Haibane Renmei

Episode 13: Rekis Welt / Gebet / Epilog


Das Neujahrsfest ist vorüber - die Nacht liegt über der Stadt Guri und ihren schneebedeckten Häusern. Im Gästezimmer von Old Home erlischt das letzte Licht. Überreste der Feier liegen überall - benutzte Teller, halbvolle Flaschen... alle Bewohner schlafen in diesem Gästezimmer, auf Stühlen, am Boden...

Nur eine der Bewohnerinnen ist noch wach: Reki. Sie zieht ihrem Liebling Dai die Decke bis unter das Kinn - fürsorglich bis zuletzt: Reki wird immer Reki bleiben. Ein letzter Blick zurück - ihr Halo verblaßt beinahe... es ist an der Zeit, diesem ausweglosen Alptraum ein Ende zu bereiten:

Reki:Lebt wohl.

Doch eine hat diese leisen Worte gehört, vielleicht schon im Halbschlaf - ihre Freundin Rakka, die wieder einmal auf dem Bett des Gästezimmers übernachtet. Was hat Reki da gesagt - "sayonara"? Und das, ohne ihren wahren Namen zu kennen? Bei Rakka gehen in diesem Moment sämtliche Alarmglocken an:

Rakka:Reki...

Der Titel der Episode

Titel:Rekis Welt
Titel:Das Gebet
Titel:Epilog

Washi hatte Rakka beauftragt, Reki das Kästchen mit deren wahrem Namen zu geben. Rakka weiß, wo sie Reki finden wird - aber sie muß allen Mut zusammennehmen, um die Treppe hinauf zu steigen.

Die Turmuhr zeigt kurz nach 2 Uhr früh. Rakka steht vor Rekis Zimmertüre - und zögert. Sie hat keine guten Erinnerungen an Rekis Zimmer - beim ersten Mal hatte Reki sie lautstark am Betreten ihres Ateliers hindern müssen, und an das zweite Mal, die Behandlung ihrer Flügel, denkt Rakka vermutlich nur mit Schaudern zurück. Auch diesmal klopft Rakka nicht an - wie beim ersten Mal hat sie Rekis "Schrei" bereits vorher gehört.

Rakka tritt ein und schließt im Dunkel des Zimmers die Türe vorsichtig wieder - was immer nun geschehen mag, brauchen die anderen nicht mitzubekommen. Sie tastet nach dem Lichtschalter - aber der funktioniert nicht. Was tun? Improvisieren, wie so oft - das kann Rakka. Sie erinnert sich - da war doch etwas, am Morgen des Nuß-Markts... richtig, in ihrer Jackentasche befindet sich noch das Feuerzeug, welches Reki ihr geschenkt hatte.

Rakka schafft es im ersten Versuch, das bei Reki oftmals so störrische Feuerzeug zum Brennen zu bringen. Die zitternde Flamme reicht für einen Blick auf... ein kahles Zimmer voller Schachteln, und eine abgedeckte Staffelei! Dieses Zimmer sieht nicht bewohnt aus.

Rakka öffnet die rechte Seitentür zu Rekis Schlafzimmer, das sie von ihrem Eindringen nach deren Alptraum bereits kennt:

Rakka:Reki?

Doch auch dieser Raum ist leer, die Decken auf dem Bettgestell sind zusammengefaltet.

Nun bleibt nur noch die Tür zu ihrer Linken - und Rakka hört Schritte aus diesem Zimmer. Vorsichtig öffnet sie die quietschende Tür und betritt Rekis Allerheiligstes - doch nach wenigen Schritten löscht ein Luftzug die Flamme des Feuerzeugs aus, und die Türe fällt hinter ihr ins Schloß...

Als Rakka das Feuerzeug wieder zum Brennen gebracht hat, steht sie in einem Raum, dessen Boden und Wände bemalt sind. Rakka erschrickt - vielleicht erkennt sie einige der Szenen als Teile von Rekis Traum, den diese ihr ja erzählt hatte, als Rakka tsumitsuki war.

Rechts von Rakka steht Reki vor einem geschlossenen Fenster. Rekis Federn sind grau und ohne Flecken - die frisch aufgetragene Farbe tut ihren Dienst. Reki wendet sich nicht um, als sie Rakkas Schritte näher kommen hört - sie weiß, wer allein es wagen würde, diesen Raum zu betreten:

Reki:Rakka, was hast du hier verloren?

Womit Reki den allseits bekannten Automatismus Rakkas bei Fehlern und Regelübertretungen auslöst:

Rakka:Bitte entschuldige, daß ich hier einfach so herein geplatzt bin.

Ein bitteres Lachen dringt aus Rekis Kehle - als ob es jetzt noch darauf ankäme, solche Konventionen zu beachten.

Reki:Rakka, du änderst dich auch nie?.

Reki ist also nicht wirklich verärgert - auch wenn Rakka noch nicht versteht, wieso. Sie sieht sich in diesem Raum um:

Rakka:Reki, was ist das hier?

Und Reki erzählt im Wesentlichen das, was Rakka bereits weiß:

Reki:Das ist der Traum aus meinem Kokon.
Reki:Auf diesem Pfad bin ich gegangen.
Reki:Ich erinnere mich an den kalten Wind, der auf meinen tränennassen Wangen brannte.
Reki:Ich hörte ein Geräusch, aus großer Entfernung.
Reki:Aber ich war so müde, daß ich an nichts mehr denken konnte.
Reki:Ich wollte mich in einen Stein verwandeln.
Reki:Ein Stein, der weder Schmerz noch Trauer empfindet.

Reki beneidet den Stein um diese Unfähigkeit. Sie öffnet das Fenster, und der Mond scheint hinein - ein weißer Mond, nicht der rote Mond aus ihrem Traum. Rakka läßt das Feuerzeug verlöschen und tut nun das, weshalb sie gekommen ist:

Rakka:Die Haibane Renmei hat mich beauftragt, dir das zu bringen.

Wir sehen Rekis Flügel von der Seite - und sie sind noch immer ohne Flecken.

Rakka:Reki, das ist dein wahrer Name.

Die Haibane Renmei... Washi also. Von dem erwartet Reki keinerlei Hilfe mehr:

Reki:Ich brauche ihn nicht.

Reki gibt sich ihrer Verzweiflung hin. Wir sehen ihre Flügelspitzen in diesem Moment nicht, aber...

Reki:Was immer da drin sein mag, es wird mich nicht retten.

Reki ist also in "Gefahr". Entsprechend engagiert macht Rakka weiter - sie darf ihre Freundin jetzt nicht hängen lassen:

Rakka:Reki, selbst wenn das wahr ist...
Rakka:... muß dieser Alptraum ein Ende nehmen!

So energisch hat Rakka ihrer älteren Freundin noch nie widersprochen. Langsam und müde dreht Reki sich um - nun sieht man große schwarze Flecken auf ihren Flügeln. Rakka hält ihr eine hölzerne Schachtel entgegen. Ausgerechnet von der Haibane Renmei erwartet Reki keinerlei Rettung mehr - aber ihrer Freundin zuliebe, die selbst jetzt noch versucht, ihr zu helfen, nimmt sie das Kästchen an. Was hat sie schon zu verlieren?

Reki entnimmt dem Kästchen ein Stück Papier und beginnt, es laut zu lesen...

Reki:Dies ist die Geschichte eines Mädchens namens "Reki".

...und Rakka hört die Stimme des Washi, der diese Geschichte aufgeschrieben hat:

Washi:Sie mußte ein schweres Schicksal erleiden...
Washi:...und verlor sogar die Gefährten, die ihr Leid hätte teilen können.
Washi:Sie verlor ihren eigenen Wert aus den Augen...
Washi:und nahm den Namen "Reki" an, in der Bedeutung "kleiner Stein".
Washi:Doch die wahre Bedeutung von "Reki" war:
Washi:"Diejenige, die überrollt und zerrissen wurde".
Rekis (in diesem Moment) wahrer Name stammt von "rekidan" = "cutting in two under train wheels"

Washi hat Reki damit mitgeteilt, was sie in ihrem Kokon-Traum vergessen hat. Damit hat er vermutlich die Regeln von Guri "gedehnt", wenn nicht gar übertreten - in einem letzten Versuch, Reki doch noch eine Chance zu geben. Immerhin hatte er mit Rakka eine Botin gefunden, welche Reki nicht von vorn herein zurückweisen würde - anders als ihn selbst.

Rakka:Reki?

Das Holzkästchen gleitet aus Rekis Händen und fällt zu Boden, mitsamt dem kleinen Namensschild. Rakka wirft einen scheuen Blick auf die wie versteinert dastehende Reki, dann beugt sie sich vorsichtig hinab und hebt das Schild auf, doch...

Rakka:Was ist das?

"überrollt" sagen nun die Kanji auf Rekis Namensschild!

Rakka blickt auf - sie hört ein Geräusch. Der Raum beginnt zu beben; ein hoher, singender Ton erklingt, Rekis Halo flackert...

Rakka:Re...

Rakka bekommt den Namen ihrer Freundin gar nicht vollständig heraus. Reki zittert vor Entsetzen; sie schlägt die Hände vor ihr Gesicht und geht mechanisch vorwärts. Achtlos tritt sie auf das Holzkästchen - dann fällt sie zu Boden:

Reki:Also das war es...

Sieben Jahre lang hatte Reki versucht, sich an das Ende ihres Traumes zu erinnern und es zu malen. Nun hat sie zum ersten Mal nach all dieser langen Zeit diese Schlußszene wieder vor ihren Augen - und die ist schlimmer als alles, was sie sich vorzustellen gewagt hätte.

Rakka will Reki zu Hilfe eilen...

Rakka:Re...

... doch als sie sieht, wie sich in rasender Geschwindigkeit schwarze Flecken über Rekis Gefieder ausbreiten, hält sie entsetzt inne.

Reki:Eine "zerrissene" Person.
Reki:Das war es also... "Überrollt".
Reki:Das hier ist kein Weg!
Reki:Dies ist eine eiserne Schiene, um darauf... irgendwas zu transportieren.

Reki meint offensichtlich den Bahndamm einer Eisenbahnstrecke, aber sie umschreibt ihn nur - das konkrete Wort "Eisenbahn" dürfte sie bei ihrer Ankunft in Guri vergessen haben.

Reki:Hier war es, wo ich...
Reki:...mein Leben weggeworfen habe.

Ob es tatsächlich Selbstmord war oder nicht, ist an dieser Stelle nicht relevant. Wenn Reki wirklich zu müde (und resigniert) war, um auszuweichen, dann war es wohl ein Grenzfall zwischen Selbstmord und Unfall. Aber Reki selbst fühlt sich verantwortlich - wie sie sich für Hyoukos Unfall verantwortlich gefühlt hatte (obwohl Hyouko nach eigener Aussage ihr aus eigenem Antrieb geholfen hat und ihr nichts vorwirft). Reki glaubt sich schuldig an ihrem Tod - ihre Flügel zeigen das nur zu deutlich. Und das alleine zählt: Reki hält es für unmöglich, daß eine solche (Tod-)Sünde vergeben werden kann.

Rakka möchte irgend etwas tun - sie möchte Reki helfen:

Rakka:Reki... ich...

Reki richtet sich auf - ein Bild der Unnahbarkeit:

Reki:Weißt du was, Rakka...
Reki:...ich glaubte, wenn ich nur lange genug eine gute Haibane wäre,...
Reki:...würde es mir irgendwann erlaubt werden, meinen Schuldgefühlen zu entkommen.
Reki:Was bin ich bloß für eine Lachnummer!

Reki versucht, sarkastisch zu sein - ihre Selbstdemontage hat begonnen.

Reki hatte das System von Guri nie richtig verstanden. Sie glaubte, ihren Traum erforschen zu müssen; alles Übrige würde sich dann von alleine ergeben. Folglich erschuf sie ihren Kokon-Raum, malte ihn so perfekt nach ihrer Erinnerung wie möglich; dieses Malen wurde zu einer fixen Idee bei ihr. Das Beispiel von Rakka, welche sich an ihren Traum erinnerte und am selben Tag erlöst wurde, bestärkte Reki noch in ihrem Irrglauben (sie hatte allerdings nicht verstanden, daß Rakka keineswegs durch diese Erinnerung erlöst wurde, sondern vielmehr durch das Eingeständnis ihres Fehlers und den Willen zur Wiedergutmachung). Reki verließ sich darauf, daß nach der Fertigstellung ihres Gemäldes irgend etwas geschehen würde - was genau, das wußte sie nicht. Aber sie hatte mit diesem Gemälde in gewisser Weise das Universum herausgefordert - eine Reki ergibt sich nicht ohne Kampf, auch wenn keine Ahnung hat, womit sie eigentlich kämpfen soll.

Doch jetzt, wo Washi ihr ihren wahren Namen und den Inhalt ihres Traums mitgeteilt hat, erkennt sie, daß sie keine Vergebung durch ihre Erinnerung erlangt hat. Im Gegenteil: Das Bewußtsein, welche entsetzliche Sünde sie in ihrer vorherigen Existenz auf sich geladen hat, schmettert sie zu Boden. Eine solche Tat kann ihr unmöglich vergeben werden; nun ist alles zuende. Reki schreit ihre Verzweiflung heraus, ihre Hoffnungslosigkeit, ihre endlosen Enttäuschungen in all diesen Jahren: Das ist einfach nicht fair!

Doch noch unternimmt sie nichts gegen Rakka. Nun ist ohnehin alles vorbei - kein Grund, noch irgend jemandem weh zu tun. Bald wird sie verschwunden sein, und das war's.

Reki:Für jemanden wie mich ist diese Stadt ein Gefängnis.
Reki:Für mich bedeutet die Mauer...
Reki:... den Tod.

Rakkas Augen werden größer - beginnt sie zu ahnen, was Reki für diesen Tag geplant hat?

Reki:Die ganze Stadt ist vom Tod umgeben.

Und Reki dreht sich in einem schaurigen Totentanz.

Reki:Und dieses Zimmer hier...
Reki:Dieses Zimmer ist mein Kokon.

Reki schwebt im Zimmer - genauso, wie Rakka in ihrem Kokon geschwebt hatte. Mit einem Unterschied: Rakka war damals nach vorne gebeugt gewesen und hatte ihre Arme ausgestreckt nach dem, was immer ihr nun begegnen würde (und sie hatte die Schale ihres Kokons aufgebrochen, als sie Stimmen gehört hatte), während Reki nach hinten gebeugt ist, mit ausgebreiteten Armen, als würde sie fallen (und sie wagt es nicht, das zu berühren, was ihr nach eigener Ansicht den Tod bringen könnte).

Reki:Letzten Endes ist es mir nicht gelungen, diesem finsteren Traum zu entkommen.

Und da dieser [T]raum ihr Kokon ist, meint Reki im übertragenen Sinne wohl auch: "Es ist mir nicht gelungen, die Schale meines Kokons zu zerbrechen". Und wir wissen, was mit solchen Haibane geschieht: Sie werden nicht stark... vielleicht nicht stark genug, um sich den Segen dieser Stadt zu verdienen.

Reki:Sieben lange Jahre...
Reki:...habe ich einer Erlösung nachgejagt, die für jemanden wie mich niemals existieren konnte.

Alle Fehler, die Reki auf ihrer verzweifelten Suche nach Erlösung begangen hat, ziehen als rasche Bilderfolge an ihr vorüber: Eine junge, wütende Reki mit fleckigen Flügeln, die eine Kaffeetasse an die Wand wirft, knapp neben ihr Gemälde von Kuramori, während Nemu fassungslos zusieht; eine junge Reki mit schwarzen Flügeln, die im Regen auf einer Mauer sitzt, als zwei andere Haibane mit einem Regenschirm sich ihr nähern - Hyouko (der seine Flügel zu dieser Zeit noch offen trägt) und eine sehr junge Midori (die sich ängstlich hinter Hyoukos Rücken versteckt); Reki, Hyouko und Midori in der Fabrik, wo Hyouko Rekis Flügel mit gelblicher Farbe übermalt und diese zum Lächeln bringt; Reki mit fleckigen Flügeln, die von der Fabrik aus sehnsüchtig in die Ferne schaut, beobachtet von Hyouko; eine verzweifelte Midori mit ihrem Stofftier im Arm, die vergeblich dem Motorroller von Hyouko und Reki hinterher läuft und stolpert, während Reki schuldbewußt und mit schwarzen Flügeln zu ihrer damaligen Freundin zurück blickt; eine entsetzte Reki in einer Lache von Blut, welches das Gewitter vom verletzt unterhalb der Mauer liegenden Hyouko zu ihr hinab spült; eine wütende Reki, die von der Bürgerwehr festgehalten wird, während Washi nicht auf ihre Rufe reagiert; eine wütende Midori, die einer Reki mit fleckenlosen Flügeln ausgerechnet einen gareki an den Kopf wirft, so daß dem Mädchen das Blut über ihr Gesicht läuft... schon wieder Blut. Rekis gesamtes Leben in Guri ist gezeichnet von blutigen Ereignissen: Das Wachsen ihrer blutigen Flügel in der Einsamkeit, der blutende Hyouko am Fuße der Mauer, und ihr eigenes Blut in dieser Szene.

Reki sinkt zu Boden, flach auf dem Rücken liegend, und streckt alle Viere von sich.

Reki:Wann immer ich jemandem vertraute, wurde ich am Ende jedesmal verraten.

Reki, die sich all den Jahren ihre eigene Hoffnunglosigkeit mehr und mehr eingeredet hat, glaubt nicht mehr nur an "Pech": Kuramori (die ihr Versprechen brach), Washi (der Reki - und vermutlich auch Hyouko - bestrafte, ohne Reki anzuhören, die die Verantwortung allein auf sich nehmen wollte), Midori (die ihrer Freundin einen Stein an den Kopf warf und nie bereit war, ihr zu verzeihen), Hyouko (der ihr Hoffnung auf eine Rettung machte, ohne Rekis Lage tatsächlich verbessern zu können), Kuu (die Reki vor Augen führte, wie leicht es für eine gesegnete Haibane ist, Guri zu verlassen - also wird nun wohl auch Rakka sie demnächst verlassen, denkt Reki), Rakka (die ihre "Sünde" überwand, ohne dabei Rekis Hilfe zu benötigen) und das gesamte "System" von Guri (das nach ihrer grauenvollen "Geburt", allein und ahnungslos, dem Mädchen nie eine echte Chance gab) haben gegen Reki konspiriert - das glaubt sie jedenfalls inzwischen in ihrem Verfolgungswahn.

Reki:Also habe ich irgendwann aufgehört, anderen zu vertrauen.
Reki:Damit ich nicht mehr verletzt werde, bin ich zu Stein geworden.

Ein bitteres Lachen bricht aus Reki hervor:

Reki:Ist das nicht ein Witz?
Reki:Wenn ich mein Herz verschließe und mich sanft und freundlich gebe,...
Reki:...dann sagen alle, ich sei eine gute Haibane.

Reki hat sich wieder aufgerichtet.

Reki:Dabei ist meine Seele so finster und erbärmlich...

Rakka schließt ihre Augen - sie kann und will nicht glauben, daß Reki, ihre Reki, so sein soll:

Rakka:Das ist nicht wahr!!
Rakka:Reki, du bist immer nett und liebevoll!
Rakka:Ich glaube an dich!

Rekis ganze Existenz in Guri ist ein Pokerspiel, und der Einsatz war ihr Seelenheil. Mit der Kiste und ihrem Namensschild hat sie soeben die vorletzte Karte umgedreht, die auf dem Stapel lag - und was für ein Desaster! Nun hat sie nur noch eine einzige, allerletzte Chance - nämlich das zu tun, was sie am meisten fürchtet: Ihre engste Freundin Rakka um Hilfe zu bitten. Doch das wagt sie nicht. Lieber jetzt aufzugeben und alleine sterben, als diese letzte Enttäuschung auch noch zu erleben! Erkennen zu müssen, daß auch Rakka sie verraten könnte, das würde über ihre Kräfte gehen. Also darf dies um keinen Preis geschehen! Rakka muß weg von hier - egal, wie. Selbst wenn Reki ihr dafür weh tun muß. Also gibt Reki sich zunächst einmal alle Mühe, das Bild der "netten" Reki zu zerstören, das Rakka aufgebaut hat:

Reki:Rakka.
Reki:Rakka, du hast es nie bemerkt, oder?
Reki:Wie sehr ich dich beneidet habe.
Rakka:Das glaube ich einfach nicht.
Reki:Wir beide waren tsumitsuki, aber nur dir ist vergeben worden.
Reki:Alle lassen mich alleine zurück.
Reki:Als Kuu das Nest verließ, war ich in meinem Herzen eifersüchtig auf sie.
Reki:Und dafür habe ich mich selbst zutiefst verachtet.

Rakka hält sich verzweifelt die Ohren zu - sie will das alles nicht hören:

Rakka:Das ist doch nicht wahr!
Rakka:Du bist gekommen, um mich zu suchen, als ich in den Brunnen gefallen war.
Rakka:Du hast mich gepflegt und die Medizin für mich geholt!
Rakka:Wann immer ich Probleme hatte, warst du für mich da, Reki!

Reki beurteilt sich selbst nicht nach ihren Taten, sondern nach ihren Absichten. Warum will Rakka das nicht einsehen? Reki wird nun deutlich lauter und geht langsam auf Rakka zu:

Reki:Natürlich! Und was glaubst du, warum ich das getan habe?
Reki:Alles, was ich wollte, war meine Erlösung!

Damit bescheinigt Reki sich selbst "unlautere Absichten". Und nur diese zählen für sie - nicht die Ergebnisse.

Reki:Nur solange ich etwas für andere zu tun hatte, konnte ich meine eigenen Sünden vergessen.

Das hingegen zeigt schon wieder ihre Verzweiflung: Ihr Bestreben, dem eigenen Schmerz zu entgehen, hat sie dazu getrieben, gute Taten zu vollbringen. Und an ihren Taten versucht Rakka, Reki zu messen - deshalb ist sie in diesem Moment so entsetzt darüber, wie anders Reki sich selbst sieht.

Reki:Und das Einzige, woran ich die ganze Zeit dachte, war,...
Reki:...daß Gott mir eines Tages vielleicht Vergebung gewähren würde.

Rakka spürt den Druck, den Reki auf sie ausübt - sie spürt den Schmerz, als Reki das Rakka lieb gewordene Bild aus ihrem Herzen reißen will.

Rakka:Hör auf!
Rakka:Hör auf damit!

Und auch Reki hört Rakkas Hilfeschrei. Lange wird Rakka das nicht mehr durchhalten. Reki steht nun direkt vor Rakka und fährt mit ihrer Selbstdemontage fort:

Reki:Rakka, es war mir egal, ob du in diesem Kokon warst oder jemand anderes.
Rakka:Hör endlich auf!

Reki ist nun wieder ganz ruhig geworden. Sie hat eine Methode gefunden, mit der sie die Rakka endgültig zu "kurieren" glaubt:

Reki:Als ich deinen Kokon entdeckte, schloß ich eine Wette ab.
Reki:Ich versuchte, mir einzureden: "Wenn diese Haibane mir ihr Vertrauen schenkt,...
Reki:...dann wird mir vergeben werden."

Rakka blickt entsetzt auf - in diesem Moment beginnt der Zweifel an ihr zu nagen. Reki hat es geschafft, ihr Herz zu vergiften; Schritt für Schritt weicht Rakka nun vor Reki zurück.

Reki:Nur deshalb war ich nett zu dir.
Reki:Mir war völlig egal, wer aus diesem Kokon schlüpfen würde.

Reki "anonymisiert" Rakka, so gut sie kann, und setzt damit deren Bedeutung ebenso herab wie ihre Beziehung zu ihr.

Reki:Du siehst, von Anfang an war alles nur...
Reki:...eine Lüge.
Reki:Das Einzige, was für mich zählte, war meine Erlösung.
Reki:Es war dein Fehler, mir zu vertrauen.
Reki:Jetzt, wo du alles weißt, geh.
Reki:Raus hier!!

Reki läßt keine Grausamkeit aus, um Rakka aus ihrem Kokon zu vertreiben - vielleicht getrieben von der Angst, Rakka könne Reki dazu zwingen, sich dem zu stellen, was Reki am meisten fürchtet: Ihr zu vertrauen. Dazu darf es nicht kommen - und wenn Reki dazu Rakka verletzen muß, ist das in ihrer aktuellen Stimmung ein geringer Preis.

Rakka steht buchstäblich mit dem Rücken zur Wand - genauer gesagt, zu der Tür, durch welche sie Rekis finstere Welt betreten hatte. Sie blickt in Rekis Gesicht - doch alles, was sie dort erkennen kann, ist eine versteinerte Miene. Schweigend öffnet sie die Tür und schließt sie sofort hinter sich.


Reki bleibt alleine zurück, mit dem finsteren Triumph ihrer Grausamkeit:

Reki:Für mich gab es nie eine Chance auf Vergebung.

Also kann dies alles nicht ihr Fehler gewesen sein. Reki ist und bleibt unbeugsam - wie der Stein, zu dem sie werden wollte.


Erst außerhalb von Rekis Atelier bricht Rakka weinend - und immer noch fassungslos - zusammen:

Rakka:Das ist nicht wahr.
Rakka:Das kann nicht wahr sein...

Doch inzwischen ist Reki wieder "zur Besinnung gekommen" und beginnt, ihre Handlung zu überdenken. In der "jungen Reki" mit der Gestalt des Mädchens, welches damals vom Zug überrollt und zerrissen worden war, manifestieren sich Rekis Zweifel - dies ist ihre innere Stimme.

Reki:Wenn dieses Geräusch mich erreicht hat, werde ich verschwinden, nicht wahr?
YoungReki:Rakka kam, um dich zu retten, Reki.
Reki:Ich verdiene es nicht, gerettet zu werden.
YoungReki:Kannst du nicht einmal um Hilfe bitten?

Die junge Reki macht eine bittende Geste mit ihren Händen - und beginnt, zu Stein zu werden. Reki beobachtet an ihrem jüngeren Selbst, wohin sie ihre Isolation geführt hat... nun ist sie es, die diesen Verlauf der Ereignisse nicht ertragen kann, so wie Rakka noch vor wenigen Minuten:

Reki:Hör auf!
YoungReki:Fürchtest du dich so sehr davor, jemandem zu vertrauen?

Ja, genau das tut Reki. Sie fürchtet sich so sehr davor, daß sie Rakka vertreiben mußte, um zu verhindern, vor genau diese Alternative gestellt zu werden. Die junge Reki beginnt, sich selbst zu demontierten, genau wie Reki das vorhin mit Worten getan hatte. Doch die ältere Reki hält immer noch an ihrer Angst fest:

Reki:Ich will niemals mehr verraten werden!
Reki:In meinem Traum, und in dieser Stadt...
Reki:...wie sehr ich mich auch danach sehnte, bin ich doch nie erlöst worden!
YoungReki:Weil du nicht ein einziges Mal wirklich um Hilfe gebeten hast.

Das ist der Moment der Erkenntnis für Reki.

YoungReki:Alles, was du getan hast, war, darauf zu warten.

Genau wie Nemu übrigens - und beide warten sogar auf dasselbe Ereignis (Rekis Erlösung), ohne etwas dafür zu tun. Kein Wunder, daß beide schon so viele Jahre in Guri sind. Und nun erkennt Reki den wahren Grund, weshalb sie es nicht verdient hatte, erlöst zu werden:

Reki:Ich hatte Angst.

Und sie war nicht bereit, sich ihrer Angst zu stellen. Reki hat sich der Aufgabe, die sie nach Guri geführt hat, verweigert. Ähnlich wie Rakka, die es nicht wagte, ihren Kokon-Traum zu erforschen, bevor ihr der Vogel zu Hilfe kam.

Reki:Was, wenn ich aus tiefstem Herzen um Hilfe rufe und niemand antwortet?
Reki:Dann wäre ich wirklich völlig alleine...

Doch was Reki nicht bemerkt hat: Sie ist bereits jetzt völlig allein - weil sie niemandem vertraut. Die junge Reki zeigt ihr das nun: Sie löst sich in ihre Bestandteile auf - und Rekis versteinertes Herz zerfällt mit ihr. Endlich erkennt Reki ihren eigenen Wert - und sie eilt auf das versteinerte Mädchen zu, um es in ihre Arme zu nehmen und zu beschützen, wie sie das mit so vielen Haibane getan hat. Aber sie kommt zu spät: Diese junge Reki existiert nicht mehr.

Reki hatte Angst davor, alleine zu sein - und nun ist sie genau wegen dieser Angst alleine! Rakka hatte ihr helfen wollen; wäre sie in diesem Moment im Zimmer, dann würde Reki womöglich all ihren Mut zusammen nehmen, sich bei ihrer Freundin entschuldigen und vielleicht sogar das Wagnis eingehen, noch einmal jemandem zu vertrauen. Aber die Gelegenheit ist verstrichen, weil Reki sie nicht zu nutzen verstand. Reki hat nicht nur Rakka helfende Hand zurückgewiesen, sondern dem Mädchen auch noch absichtlich weh getan, um sie zu vertreiben - wie dürfte sie nun darauf hoffen, daß Rakka ihr dies jemals verzeihen könnte?

Reki kann das Signal des herannahenden Zuges bereits hören. Sie, die Unbeugsame, hatte Vergebung zu ihren eigenen Bedingungen gefordert. In ihrem Hochmut hatte sie das Universum herausgefordert mit ihrem bemalten Raum. Und dieser Hochmut wendet sich nun gegen sie, symbolisiert durch den Zug, der sie auch ein zweites Mal überrollen und zerfetzen wird. Ein letztes Mal verzieht sie ihr Gesicht voller Schmerz - in der zu späten Erkenntnis, daß an ihrem Schicksal niemand schuld ist außer ihr selbst...


Vor der Tür ist Rakka in sich zusammen gesunken. Immer noch fassungslos und mit geschlossenen Augen versucht das Mädchen, die Ereignisse der letzten Minuten zu verarbeiten.

Rakka:Ich wünschte, ich hätte es nie erfahren.
Rakka:Dann könnte ich Reki weiterhin lieb haben.

Bei Schicksalsschlägen, Fieberanfällen etc. fällt Rakka regelmäßig in Kindersprache zurück - das lasse ich sie auch hier tun.

In diesem Moment öffnet Rakka ihre Augen. Denn sie hört etwas, das ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkt: Das Heulen des Windes und das Schlagen eines offenen Fensters! Der Wind bläst durch dieses Fenster, die Abdeckung von Rekis Staffelei rutscht zur Seite und gibt den Blick frei auf diejenige Haibane, welche mehr als jede andere ihr Vertrauen zu Reki bewiesen hatte: Kuramori!

Wer hat dieses Fenster geöffnet? Als Rakka vorhin dieses Zimmer betrat, war das Fenster noch geschlossen. Das offene Fenster und der Windstoß sind der Wendepunkt der Ereignisse: Falls jemals in Rekis Aufenthalt in Guri eine übernatürliche Macht aktiv eingegriffen hat, dann in diesem Moment. War es vielleicht die Hand von Kuramori, die von jenseits der Mauer ihrer Schutzbefohlenen ein letztes Mal helfend zur Seite stehen und damit ihr Versprechen, immer bei Reki zu sein, einlösen wollte? Und ist Kuu dieser Wind, der die Abdeckung von der Staffelei entfernt?

Langsam geht Rakka auf die Staffelei zu; nachdenklich betrachtet sie das Bild:

Rakka:Ich möchte an Reki glauben.
Rakka:Aber...
Rakka:...aber...

Dieses Bild ist genau das, was Rakka in diesem Moment braucht: Kuramori hatte unbedingtes Vertrauen in Reki... wenn Rakka das doch auch könnte!

Doch der Windstoß hat noch etwas anderes freigelegt: Ein Heft, das zwischen Bild und Staffelei steckt. Rakka öffnet das Heft; der darin steckende Stift fällt zu Boden.

Das Bild einer Haibane mit hellen Flügeln, bis fast zur Unkenntlichkeit durchgestrichen:

DiaryL:Kuramori, es tut mir so leid. Mir wurde nicht vergeben.
Rakka:Ihr Tagebuch?

Rakka hat bereits so oft die Privatsphäre von Reki verletzt... und nun hält sie Rekis Gedanken in ihrer Hand. In ihrem Tagebuch würde Reki nichts als die Wahrheit schreiben... und Rakka, die Rekis Selbstdarstellung immer noch nicht zu glauben vermag, beginnt in diesem Tagebuch zu blättern:

Fünf Schneemänner. Von links nach rechts: Reki (mit Zigarette im Mund - in dieser Zeichnung schwer zu erkennen, aber in Episode 12, als Rakka mit dem Holzkästchen für Rekis Name durch den Hof rennt, sieht man diesen Schneemann deutlicher), Rakka (mit wirren, aufsteigenden Haaren), Hikari (mit Pferdeschwanz und zwei Gläsern als Brille), Kana (schreiend, mit Messer und Gabel als Ohren - so sehen die Kleinen sie, beispielsweise in Episode 1), und quer davor eine schlafende Nemu.

DiaryL:Die Kleinen haben Schneemänner gebaut.
DiaryL:Sie haben uns alle ziemlich gut getroffen.
DiaryR:Der für Nemu ist ein Meisterwerk.

Eine Zeichnung des Glockenturms von Old Home - aus dem Turmfenster winkt eine aufgeregte Kana.

DiaryL:Kana hat die Turmuhr repariert!
DiaryL:Sie hatte sich in den letzten Tagen zurückgezogen,
DiaryL:um daran zu arbeiten, aber nun hat sie es geschafft.
DiaryL:Das ist eine große Leistung!
DiaryL:Aber jetzt hört die Uhr nicht auf, zu läuten...

Und dann - das Bild eines riesigen Kokons. Rakka hat zwar noch keinen solchen mit eigenen Augen gesehen, aber der Text neben diesem Bild öffnet ihr die Augen:

DiaryR:Zum ersten Mal habe ich selbst einen Kokon gefunden! Ich bin überglücklich! Dies muß etwas ganz Besonderes sein. Es ist ein Geschenk Gottes. Ich werde zu der Neugeborenen besonders nett sein. Ich werde immer an ihrer Seite sein. Von nun an werde ich eine gute Haibane sein, wie Kuramori.

Die Musik vom Beginn der Serie erklingt - Rakka erinnert sich an etwas, das sie vergessen hatte:

Rakka:Richtig... als ich im Kokon war, da war Reki...

Die Titelmusik setzt ein - Rakka erinnert sich wieder an ihren Aufenthalt im Kokon...


Rückblende zu einer Szene, die in Episode 1 nicht gezeigt wurde - Reki klopft an den Kokon:

Reki:Kannst du mich hören?

Keine Antwort - aber Reki klammert sich an die Hoffnung, welche dieser Fund in ihr geweckt hat, und spricht weiter. Und das Mädchen im Kokon öffnet ihre Augen - sie versteht, was Reki sagt:

Reki:Ich heiße Reki.
Reki:Es ist das erste Mal, daß ich einen Kokon finde.
Reki:Deshalb bin ich sehr glücklich und aufgeregt.

Reki hat vor dem Kokon-Zimmer bereits die Verkehrs-Kegel aufgebaut - aber die Türe ist offen, sie versucht nicht explizit, ihr Gespräch mit der späteren Rakka zu verheimlichen. Zwar sind wahrscheinlich in diesem Moment keine älteren Haibane in Old Home, aber eines der Kinder könnte sie hören.

Reki:Haibane verlieren ihren Namen und ihre Vergangenheit.
Reki:Deshalb wirst du dich am Anfang vielleicht einsam und ängstlich fühlen.
Reki:Aber ich werde immer an deiner Seite sein.
Reki:Ich werde dich beschützen, was auch geschehen mag.

Und Reki hat ihr Wort gehalten - Rakka weiß das besser als jeder andere. Nach Rekis Ausbruch, mit dem sie Rakka gerade aus ihrem Kokon vertrieben hat, ist Rakka sich sogar bewußt, daß die Vergebung, welche Rakka selbst durch den Vogel erlangt hat, einen Teil zu dem Schmerz beigetragen hat, den Reki vor allen ihren Mitbewohnern verborgen hat. Um so höher ist ihre Standhaftigkeit, auch danach noch an Rakka Seite zu bleiben und sie vom Mauerfieber zu heilen, einzustufen - ein Beweis dafür, daß dieser Wunsch, zu helfen, sich "einzumischen", tatsächlich zu Rekis Natur geworden ist.

Reki:Deshalb...
Reki:Bitte verzeih mir,...
Reki:...daß ich dir meine letzte Hoffnung anvertraue.

Das ist Rekis Hilferuf - der einzige, den sie gewagt hatte. Aber der gibt für Rakka den Ausschlag.

Rakka:Reki hat mich von Anfang an beschützt.
Rakka:Reki...
Rakka:...ich werde dich retten.
Rakka:Ich werde der Vogel für dich sein.

Rakka legt die Hand an den Türgriff... ein letztes Mal blickt sie zurück zum Bild von Kuramori... dann nimmt sie all ihren Mut zusammen und öffnet die Türe zu Rekis Kokon-Zimmer. Doch ein heftiger Windstoß reißt ihr die Türklinke aus der Hand... für einen Moment schließt Rakka die Augen. Und wie in Episode 1 bricht die Musik an der Stelle ab, wo der Wind einsetzt...


Als sie wieder aufblickt, steht sie in einer fremden Landschaft, direkt neben einem eisernen Pfad - sie befindet sich in Rekis Kokon-Traum! Sie erkennt den roten Mond, den Reki gemalt hatte... aber wo ist ihre Freundin?

Rakka:Reki!

Rakka hört ein kreischendes Geräusch. Ihre Augen folgen dem eisernen Pfad - und in einiger Entfernung sieht sie Reki quer auf diesem liegen. Sofort will sie losrennen...

Rakka:Reki!

... doch ein kleines Mädchen hält sie am Arm fest!

Rakka:Laß mich los!
YoungReki:Reki kann dich nicht hören.
Rakka:Wieso?!

Rakka versucht, das Mädchen abzuschütteln:

Rakka:Reki!
Rakka:Reki!

Das Licht kommt näher, das Kreischen der Schienen wird lauter. Reki ist aufgestanden und erwartet ihr Ende.

YoungReki:Reki hat sich entschieden, an diesem Ort zu verschwinden.

Doch Rakka glaubt den Worten des Mädchens nicht - so wie sie auch Midoris Worten über Reki nicht geglaubt hat. Sie weiß selbst am besten, was Reki will, auch wenn ihre Beschützerin dies niemandem zu sagen wagt. Rakka vertraut Reki tatsächlich so bedingungslos, wie Reki dies bei der Entdeckung des Kokons gehofft hatte...

Rakka:Das stimmt nicht! Reki hat mich gebeten, sie zu retten!

Und zwar in dem Moment, in dem Reki mit der noch ungeborenen Rakka durch die Kokon-Wand sprach. Erst durch Rekis Tagebuch hat Rakka sich endlich wieder daran erinnert.

Rakka:Reki!
Rakka:Reki!

Rakka schafft es nicht, sich loszureißen. Reki muß ihr helfen - sie muß ihre Angst überwinden und die Hilfe offen annehmen:

Rakka:Ruf meinen Namen!
Rakka:Sag, daß du mich brauchst!

Das ist die Ironie in Rekis Geschichte: Sie hatte eine Wette darauf abgeschlossen, daß sie gerettet würde, falls Rakka ihr vertraut. Und nun, am Ende ihres Weges, ist sie selbst es, die Rakka vertrauen muß, um gerettet zu werden...

Rakka ist also zurückgekehrt - nach alldem, was Reki ihr angetan hatte! Und wie damals bei der Entdeckung des Kokons setzt Reki, zitternd und mit Tränen in ihren Augen, ein letztes Mal alles auf eine Karte...

Reki:Rakka...

...und sagt das Wort:

Reki:...hilf mir.

Die junge Reki zersplittert in tausend Scherben, verwandelt sich in grünes Licht und verschwindet - in Rakkas Hand! Rakka steht wieder in dem Zimmer, das sie zuvor betreten hatte; in ihrer Hand hält sie Rekis zerbrochenes Namensschild mit der "überrollt"-Aufschrift: Das also war dieses kleine Mädchen! In diesem Moment, in dem Reki ihre Prüfung bestanden hat, wechselt ihr wahrer Name.

Aber wenn nicht schnell etwas passiert, dann hat sie keinen Bedarf mehr für einen Namen - denn die Gefahr ist noch nicht vorüber: Aus der Wand wälzt sich ein grauer Nebel mit einem hellen Licht auf Reki zu... Reki steht gebannt wie ein Reh im Scheinwerferlicht auf einer Landstraße - sie sieht das Verderben auf sich zukommen, aber sie kann (und darf!) den rettenden Schritt zur Seite nicht selbst machen - sie muß auf Rakkas Hilfe vertrauen. Reki wird immer jünger - sie verwandelt sich zurück in das Mädchen, das sie vor ihrem Tod war...

Rakka:Reki!!

Wie immer in einer solchen Situation ignoriert Rakka jegliche Gefahr für sich selbst - sie rennt auf Reki zu (welche jetzt nicht größer ist als Rakka selbst, und zum Glück auch nicht schwerer...), packt das Mädchen mit den befleckten Federn und reißt es seitlich weg aus der Gefahrenzone.


Reki erwacht, in ihrem Kokon-Zimmers liegend - und mit hellen, makellosen Flügeln! Ein paar Schritte von ihr entfernt liegt Rakka regungslos auf dem Boden. Besorgt kriecht Reki zu ihrer Freundin hinüber und nimmt sie in ihre Arme:

Reki:Rakka...
Reki:Rakka...
Reki:Rakka!

Rakka öffnet ihre Augen, und sie sieht - ihre Freundin, die sich um sie kümmert. So wie Reki das immer getan hat.

Rakka:Reki!
Rakka:Ich bin so froh.

Und endlich entlädt sich die Spannung bei Reki, in einem Strom aus Tränen, in denen Rekis Worte beinahe ersticken:

Reki:Rakka.
Reki:Rakka...
Reki:...danke.

Schweigend sitzen Rakka und Reki an der Mauer des Zimmers und versuchen, die Ereignisse zu verarbeiten.

Reki:Ob ich nun... den Segen erhalten habe?

Denn dieser Segen (der Stadt Guri) würde bedeuten, daß Reki das Nest verlassen kann.

Rakka hat keine Antwort auf diese Frage. Doch einmal mehr - wieder nach einem Kokon-Traum! - bemerkt sie plötzlich, daß sie etwas in ihrer Hand hält:

Rakka:Ich habe doch gesehen, wie es zerbrochen ist...

Und als Rakka genauer hinsieht, fällt ihr etwas noch viel Wichtigeres auf:

Rakka:Der Name!

Reki zuckt zusammen: Damit ist ihre Frage beantwortet.


Denn der Rest von Washis Papier (welches Reki vorhin nicht bis zuende gelesen hatte) erklärt, was geschehen ist:

Washi:Wenn ein Vogel dir die Erlösung bringt, dann wird der Name "Reki" ("überrollt") verschwinden...

Reki schließt ihr Kokon-Zimmer ab...

Washi:...und der Name "Reki", der "kleiner Stein" bedeutet, wird dein wahrer Name werden.

...und drückt Rakka den Schlüssel in die Hand. Niemand sonst braucht je zu erfahren, was an diesem Ort geschehen ist.

Washi:Weil ich daran glaube, daß dies geschehen wird,...

Rakka bewegt ihre Flügel - und Reki erkennt nun, daß auch ihre eigenen Flügel rein und ohne Flecken sind und ihr keinen Schmerz mehr bereiten. Zum ersten Mal nach langer Zeit sieht Reki wieder glücklich aus.

Washi:...habe ich bereits im Voraus eine neue Geschichte geschrieben...
Washi:...über Reki, deren Name "kleine Steine" bedeutet.

Vor dem Gebäude von Old Home nehmen Reki und Rakka Abschied voneinander:

Rakka:Eines Tages werden wir uns wieder sehen, nicht wahr?
Reki:Ja, ich glaube daran.
Rakka:Ich glaube es auch.
Reki:Schließ deine Augen.

Rakka blickt Reki überrascht an - warum denn das?

Reki:Es ist Tradition für Haibane, unbemerkt zu verschwinden...
Reki:...wenn der Tag gekommen ist, ihr Nest zu verlassen.
Rakka:Reki, du wirst dich auch nie ändern, was?

Und Rakka erfüllt ihrer Freundin auch diesen letzten Wunsch... das letzte, was sie von Reki hört, sind deren Schritte. Als sie ihre Augen wieder öffnet, sieht sie die Spuren im Schnee in Richtung Westwald.

Washi:Sie wählte einen schwierigen Pfad...
Washi:...und setzte sich für die Schwachen ein.

Reki selbst hatte zu Rakka am Krankenbett während des Mauerfiebers gesagt: "Ich mische mich gerne ein - so bin ich eben."

Washi:Damit wusch sie sich rein von ihrem Fluch.

Im Gästezimmer erwachen derweil Kana und Hikari...

Washi:Dies war zunächst nur Verstellung, um ihre Erlösung zu erlangen,...

Nemu sitzt am Tisch des Gästezimmers mit gefalteten Händen - sie betet, daß Rekis Abschied gelingen möge. Sie war die einzige, die ahnte, was in dieser Nacht geschehen würde.

Washi:...doch es wurde schließlich zu ihrer wahren Natur.

Nun, da auch die anderen wach sind, steht Nemu auf und geht auf die Veranda, um den Himmel zu betrachten.

Washi:An dem Tag, an welchem eine Haibane das Nest verläßt,...
Washi:...dient ihnen eine uralte Treppe als Trittstein auf ihrem Weg..

Und nun, nach all diesen Jahren, nimmt Reki selbst diesen Weg: Ein Lichtschein bricht aus dem Westwald in den Himmel empor und zerteilt sich in viele einzelne Strahlen.

Washi:Reki ist dieser Trittstein - diejenige, die die Schwachen leitet.

Und ein Trittstein, auf dem viele andere herumgetrampelt sind, ohne zu bemerken, wie sehr Reki all die Jahre litt.

Nemu muß den Lichtstrahl von der Veranda aus gesehen haben - und er ist das Zeichen, auf welches sie gewartet hat. Nun kann sie hinausgehen zu Rakka, die das Schauspiel ebenfalls bewundert.

Nemu:Hat sie es geschafft?

Rakka ist zu ergriffen, um zu antworten - sie nickt nur.

Nemu:Gott sei Dank.

Das war sicherlich der heftigste Stoßseufzer, den die ansonsten so träge Nemu jemals von sich gegeben hat.

Kana und Hikari haben mal wieder die Hauptsache verpaßt:

Kana:Reki!
Rakka:Ja, Reki.
Rakka:Sie wird mir fehlen.
Rakka:Aber es ist doch gut so, nicht wahr?
Nemu:Ja... sie hat endlich ihren Segen erhalten.

Und nun wird auch für Nemu bald der Weg frei sein...


In der verlassenen Fabrik hat man (vorgewarnt durch Rekis weiße Glockennuß, die "Danke und Lebewohl" bedeutet) die Lichterscheinung im Westwald ebenfalls beobachtet:

Midori:Der Himmel im Westen sieht echt toll aus.
Midori:Willst du dir das nicht ansehen?

Hyouko, der erstmals seine Flügel und seinen Halo offen trägt, spielt mit der weißen Glockennuß:

Hyouko:Nein, ich habe ihre Antwort bereits.
Midori:Bist du sicher?
Midori:Hast du Lust auf Kuchen?
Hyouko:Nein - der ist doch süß, nicht wahr?
Note:Süße Nahrungsmittel werden in Japan als "weibisch" angesehen - kein Mann mit Selbstachtung würde sich dabei erwischen lassen, einen süßen Kuchen zu naschen.

Und ein Macho wie Hyouko schon gleich gar nicht...

Midori:Es ist Zitronen-Soufflé.
Midori:Reki hat es selbst gemacht!

Reki? Hm - das ist etwas anderes. Hyouko wird nachdenklich und wendet seinen Blick Midori zu. Aber erzögert immer noch:

Hyouko:Ich sage doch, ich mag nicht...
Midori:Wie dämlich bist du eigentlich?
Midori:Du weißt doch, welche Farbe eine Zitrone hat, oder?

Eine Zitrone ist gelb. Rekis Abschiedsgeschenk hat also die Farbe der Glockennuß für "Liebe" - wie Hyouko sehr genau wissen muß, nachdem er selbst zur Versöhnung mit gelbem Feuerwerk auf Rekis Nuß geantwortet hatte. Und einen solchen Kuchen will er nun ablehnen? Reki hat ihm da eine interessante Aufgabe gestellt: Kann Hyouko aufgrund seiner Zuneigung zu ihr seinen Stolz überwinden?

Midori ist sich jedenfalls sicher, daß Hyouko nur sein Gesicht wahren will - trotz der wiederholten Ablehnung stellt sie den Kuchen auf seinen Halo (der sich schon bei Dai als Kuchenhalter bewährt hatte) und zieht sich taktisch zurück...

Hyouko hat sehr nachdenklich in die Ferne gesehen. Jetzt, wo Reki endlich das Nest verlassen konnte, hält ihn nichts mehr in dieser Stadt. Neben Rakka wird auch Midori ihren besten Freund bald verlieren - und angesichts der nun verbesserten Beziehungen zwischen Old Home und der Verlassenen Fabrik werden die beiden die Gelegenheit bekommen, einander zu helfen.


Rakka:An diesem Abend gingen wir alle gemeinsam in den Westwald.
Rakka:Anscheinend hatte jede von uns in ihrem Herzen geahnt, daß es geschehen würde.

...ohne daß über das Thema explizit gesprochen werden mußte.

Rakka:Deshalb konnten wir alle mit einem Lächeln von Reki Abschied nehmen.
Rakka:Nach einem Gebet in der Kapelle kehrten wir nach Old Home zurück.
Rakka:Und diesmal aßen wir alle gemeinsam zu Abend, an einer Tafel mit einem zusätzlichen Gedeck für einen leeren Sitzplatz.

Das ist die spezielle Abschiedszeremonie der Haibane von Old Home für Reki (entgegen der üblichen Tradition): Ein Gedenk-Mahl für ihre langjährige Begleiterin.

Rakka:Reki hinterließ uns viele Dinge.
Rakka:Ich war ein wenig erleichtert, zu sehen,...

Eine enge Gasse in der Stadt; der Eingang von Old Home, eine Windmühle auf der Wiese, Old Home aus einiger Entfernung... und ihre Bilder werden im Gästezimmer aufgehängt, als Erinnerung an ihre Malerin.

Rakka:...daß sie neben den Gemälden über ihren finsteren Traum...

Die Zeit bleibt nicht stehen: Nun sind es Kana und Hikari, die sich um die Kleinen in Old Home kümmern.

Rakka:...so viele fröhliche, wunderbare Bilder gemalt hatte.

Kanas Erziehungsmethoden unterscheiden sich ein wenig von denen, die Reki angewendet hatte - und Hikari, immerhin Bäckersgehilfin von Beruf, hat als Hausfrau noch einiges zu lernen, wenn sie am Frühstückstisch sogar den Toast anbrennen läßt...

Rakka:Wenn ich diese Bilder betrachte, dann bin ich sicher,...
Rakka:...daß Reki diese Stadt und Old Home wirklich geliebt hat.

Aber Kana wird lernen, mit Shouta und den anderen Kleinen umzugehen.

Das nächste Frühjahr ist gekommen; Nemu steht auf der Veranda und läßt ihren Blick in die Ferne schweifen (genau wie Kuu bzw. Reki am Tag vor deren Verlassen des Nestes) - sie hat ihre Zuständigkeiten bereits an die nächste Generation weitergegeben und hält sich im Hintergrund. Ist das der Tag, an dem sie Guri und ihr Nest verlassen wird?

Rakka:Der Winter wird bald zuende sein.
Rakka:Ob im Frühjahr ein neuer Kokon entstehen wird?
Rakka:Dann wird es meine Aufgabe sein, der zuverlässige senpai zu werden.

Womit Rakka endlich die richtige Einstellung zu Kuus Abschied gewonnen hat: Sie wird ihrer Freundin nacheifern.


Und der Kreis schließt sich: Diesmal ist es Rakka, die (mit einer Lampe bewaffnet) durch die Gänge von Old Home patroulliert und nach neuen Kokons sucht. Tatsächlich beginnt ein Kokon sein Wachstum in genau demjenigen Zustand, den Hikari zu Beginn dieser Geschichte beschrieben hatte - und diesmal wird es ihr vergönnt sein, das gesamte Wachstum des Kokons zu beobachten... Moment mal: Eines Kokons? Durch einen sagenhaften Glücksfall darf Rakka den Moment beobachten, in dem eine zweite Kokon-Pflanze direkt neben der ersten aus dem Boden des Zimmers hervorbricht.

Rakka:Zwillinge!
Rakka:Du liebe Zeit!

Genau wie damals Reki verliert auch Rakka vor Aufregung den Kopf - und rennt erst einmal davon, ohne auf die Randbedingungen ihrer Umwelt zu achten. Aber das Kabel ihrer Lampe hat nur eine endliche Länge... seltsamerweise funktioniert die Lampe anschließend auch ohne Kabel noch.

Rakka:Ach ja! Du liebe Zeit...
Rakka:Ich werde Reki niemals vergessen!

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