Haibane Renmei

Episode 7: Narben - Krankheit - Winteranfang

Es ist 09:00 Uhr morgens (und die Turmglocke läutet auch exakt neunmal - Kana scheint die Sache nun im Griff zu haben). Das Frühstück war also eigentlich schon vor 40 Minuten.

Rakka erwacht auf der Bank in ihrem neuen Zimmer (ein Bett hat sie ja noch nicht). Sie betrachtet ihre offene Hand, und sagt dann:

Rakka:Kuu...

Rakka schließt die Hand - als ob Kuu durch ihre Finger schlüpfen würde, obwohl Rakka versucht, ihre Freundin festzuhalten.


Rakka erinnert sich an den Rückweg durch den Westwald:

Kana:Rakka...

Kana bemerkt als erste, in welchem Zustand sich Rakka befindet. Aber Kana selbst geht es im Moment auch nicht besonders, und im Trösten ist sie auch keine große Leuchte - deshalb geht sie als einzige nicht zurück zu Rakka.

Nemu:Rakka, wenn du weiterhin so weinst,...
Nemu:...dann wird Kuu auf ihrer Reise keinen Frieden finden.

Das sind ja schon fast "Psychoterror-Methoden" von Nemu - ähnlich wie zuvor Reki mit ihrem "Karottenmonster". Rakka auch noch ein schlechtes Gewissen einzureden ist so ziemlich das Schlimmste, was Nemu tun kann. Es zeigt allerdings, daß die anderen Haibane Rakka in diesem Moment wie ein kleines Kind behandeln.

Rakka:Aber...

Hikari versucht es mit "Durchhalteparolen":

Hikari:Rakka.
Hikari:Wir werden sie bestimmt wiedersehen.
Hikari:Wir müssen fest daran glauben.
Hikari:Kuu ist nur ein wenig früher gegangen als wir.

(Die selbst schwer angeschlagene) Reki merkt, daß alle guten Worte hier nichts helfen; sie nimmt ihren Schützling bei der Hand:

Reki:Komm jetzt.

Das ist noch das Beste; was sie tun kann: Herumstehen im nächtlichen Wald macht das Ereignis auch nicht ungeschehen.

Der Klang der Turmglocke von Old Home zeigt den Haibane den Weg nach Hause... Kana blickt nach oben:

Kana:Ob Kuu wohl den Klang der Glocke hören kann?

Das wäre immerhin ein Abschiedsgeschenk von Kana an Kuu.

Hikari:Ich bin sicher, sie hört ihn.
Hikari:Möge diese Glocke Kuu auf ihrem Weg leiten.

Das klingt pathetisch - aber so paßt es zur aktuellen Stimmung aller Haibane.

Hikari scheint Kuus Abreise am leichtesten zu verarbeiten - ich fürchte allerdings, das liegt daran, daß sie selbst sich mit dem Thema "Warum bin ich in Guri?" bisher am wenigsten befaßt hat.


Der Titel der Episode

Titel:Narben
"kizuato" = "scar". ("scar" kann allerdings auf Deutsch viele Bedeutungen haben: "Narbe", "Wunde", "Makel",...) Die Kanji in diesem Wort bedeuten "Wunde" und "Überrest", also hier doch "Narbe".

Worauf sich das bezieht, ist mir nicht ganz klar - wahrscheinlich aber auf die Narbe(n), welche die schlecht verheilte Wunde von Kuus Abschied in Rakkas Herz hinterlassen hat. Und vielleicht ist dadurch auch eine viel ältere Narbe aus Rakkas vorherigem Leben wieder aufgebrochen... ganz zu schweigen davon, was Reki in dieser Episode erlebt.

Torquemada bezieht die "Narbe" auf das, was wir im ersten Bild an Rakkas auffällig hervorragendem Handgelenk sehen können - könnte dies einen Spur eines (früheren) Selbstmordversuchs sein?

Titel:Krankheit

Als solche betrachtet Rakka ihre tsumitsuki-Flügel.

Titel:Winteranfang

Eine Erinnerung an Kuus Warnung - und an die Jacke, die Rakka von Kuu zum Abschied geschenkt bekam.


Rakka schläft auf einer harten Bank. Ihr linker Unterarm ragt unter der Decke hervor - ist der Strich dort nur eine Vene, oder vielleicht doch eine vernarbte Schnittwunde? Als sie sich aufrichtet, fällt eine einzelne, schwarz gefleckte Feder herunter. Rakka weiß nicht so recht, was sie davon halten soll.

Rakka:Ich sollte mir bald mal ein Bett suchen.

Später gegenüber den anderen Haibane wird Rakka das Schlafen auf der harten Bank für den Zustand ihrer Federn verantwortlich machen - noch weiß sie es ja nicht besser.

Rakka:Der Winter ist da.
Rakka:Kuu...

Die Scheibe beschlägt bei Rakkas Atemhauch. Rakka schaut aus dem Fenster; unten im Hof sieht sie Kana und Hikari, die entspannt mit den Kleinen spielen. Aber Rakka ist nicht nach Fröhlichkeit zumute:

Rakka:Ich darf nicht weinen.

Rakka geht in Kuus Zimmer - wie an jedem Tag, seitdem Kuu Guri verlassen hat.

Rakka:Guten Morgen, Kuu.

Kuus Zimmereinrichtung ist ziemlich exotisch: Eine Statue (mit ihrer Mütze darauf), ein Schiffssteuer, Münzen (obwohl Haibane kein Geld besitzen dürfen), ein Feuerzeug, ein Vergrößerungsglas, viele Spielzeugtiere - vor allem zahlreiche Frösche. Kuus hatte auch auf ihr Namensschild am Eingang von Old Home einen Frosch gemalt, und ihr Kommentar auf Rakkas Lageplan bei der Suche nach einem Zimmer war ebenfalls mit einem Frosch verziert.

Rakka fühlt auf dem Schreibtisch nach Staub - und sie findet welchen. Wieder ein Zeichen dafür, daß Kuu nicht mehr bei ihr ist... Rakka beginnt, den Fußboden in Kuus Zimmer zu wischen - und sie erzählt (der nicht anwesenden) Kuu von Old Home, als würde sie ihr einen Brief schreiben:

Rakka:Ein Monat ist bereits vergangen seit jenem Tag.
Rakka:In Guri hat nun der Winter Einzug gehalten.
Rakka:Aber dank deines Rates habe ich mich nicht erkältet.
Rakka:Wie geht es dir, Kuu?
Rakka:Wie ist es dort, wo du jetzt bist?
Rakka:Ich hoffe, die Leute dort sind genauso nett wie die in Guri.
Rakka:Allen in Old Home geht es gut.
Rakka:Und mir...

Sie würde Kuu sicherlich gerne beruhigen: "Und mir geht es auch gut". Aber sie merkt, daß dies nicht der Wahrheit entspricht. Rakkas Tränen tropfen auf den nassen Boden, und sie läßt ihren Schrubber fallen.

Rakka:Entschuldige...
Rakka:Ich kann mich nicht für dich freuen, so wie all die anderen es tun.

Das ist der Schlüsselsatz, der Rakkas gesamtes Problem zusammenfaßt. Etwas ausführlicher müßte er heißen: "Kuu ist fort, und das ist gut für sie. Aber ich will sie wiederhaben, was nicht gut für Kuu wäre. Also bin ich ein Versager als Haibane, eine Schande für all die guten Haibane, die versuchen, meine Freunde zu sein. Und daß ich dies verheimliche, macht alles noch schlimmer. Deshalb möchte ich verschwinden."

Rakka:Denn ich...
Rakka:...ich wollte mit dir viel länger zusammen sein.
Rakka:Ich wollte mit dir einkaufen,...
Rakka:...mit dir essen, über viele Dinge mit dir reden.
Rakka:Da ist noch so vieles, was ich von dir lernen wollte.

Gerade als Kuu voll in die Rolle des senpai für Rakka hinein gewachsen war, verließ sie ihre Freundin - weil sie durch ihre senpai-Funktion ihre eigene Reifeprüfung bestanden hatte. Aber das zu akzeptieren, so weit ist Rakka eben noch nicht - und sie wird später beim Verlust einer anderen Freundin vor demselben Problem stehen.

Rakka sieht plötzlich die Sonne durchs Fenster scheinen; ihr Blick fällt auf Kuus Fensterbrett, wo eine Gruppe von Frosch-Figuren steht, die mit den Namen aller Bewohner von Old Home beschriftet sind.

Rechts von der Frosch-Gruppe stehen drei Zigarettenschachteln wie eine Art "Mauer" aufgebaut - der Stein, auf dem Kuu und Rakka sitzen, befindet sich am Rand einer grünlich markierten Fläche (dem Westwald?), und links von dieser Fläche steht ein Haus ("Old Home"?). Soll das etwa der "stepping stone" sein? Will Kuu damit ausdrücken: "Rakka, ich gehe über die Mauer und möchte, daß Du mir bald nachfolgst"?

Rekis Frosch als "Vaterfigur"? Immerhin ist sie die Ansprechperson bei allen Problemen in Old Home. Rekis Frosch steht am weitesten von der Mauer entfernt und blickt als einziger in deren Richtung... ist Kuu sich des Problems von Reki bewußt?

Hikaris Frosch als "Gelehrte"? Naja, ihre Experimentierfreudigkeit ist zumindest enorm. Hikaris Frosch bewegt sich sogar weg von der "Mauer"... ob sie sich in ihrer Oberflächlichkeit verlieren wird?

Nemus Frosch als "Mutterfigur"? Sie ist die Älteste in Old Home, hält sich aber im Hintergrund - japanische Frauenrolle? Nemus Figur steht am nächsten bei Reki, ihrer alten Weggefährtin.

Kanas Frosch als "Schlafende"? Oft genug ist Kana "müde", wenn es etwas zu arbeiten gibt - gut beobachtet, Kuu!

Und zuletzt die "große" Kuu (senpai!) und die "kleine" Rakka gemeinsam auf einem großen Stein. Auch Kuu zeigt damit, daß Rakka ihr am nächsten stand. Es muß ein Stich in Rakkas Herz sein, dies zu erkennen.

Rakka gibt ihrem Frosch einen Schubs mit dem Finger - sie will "verschwinden" aus dieser Szene. Ihr Frosch fällt um - und bleibt hilflos auf dem Rücken liegen...

Rakka wäscht sich die Hände; im Spiegel entdeckt sie zum ersten Mal einen schwarzen Fleck auf einer ihrer Federn. Sie reißt sich diese Feder aus - und muß erkennen, daß sich die Feder mehr als nur einen Fleck aufweist.


Mit gesenktem Kopf geht Rakka durch die Straßen von Guri.

Kind:Warte auf mich!

Sie nimmt das fröhliche Lachen der Kinder in den Straßen nicht wahr.


Im Restaurant Kartie, wo Kuu früher gearbeitet hat, bestellt Rakka eine Mahlzeit:

Rakka:Erbsensuppe, bitte.
CafeKartie:Oh, dich sieht man hier aber oft in letzter Zeit.

Rakka hat in letzter Zeit die Essenstermine in Old Home gemieden, wie wir auch weiter unten noch erfahren werden.

CafeKartie:Ist das alles, was du möchtest?

Von einer Erbsensuppe allein wird eine Heranwachsende ja wohl nicht satt werden? Aber Rakka nickt nur stumm.

Da fällt dem Besitzer etwas ein, worüber er sich auch schon gewundert hatte:

CafeKartie:Ach ja...
CafeKartie:Dieser Junge war schon eine Weile nicht mehr hier.
CafeKartie:Kennst du ihn?
CafeKartie:Er ist etwas kleiner als du und ziemlich lebhaft.
Rakka:Kuu...

Rakka haucht das Wort gerade so heraus. Eine schlimmere Wendung konnte die Unterhaltung kaum nehmen, denn Kuu ist natürlich der Grund, wieso Rakka ausgerechnet hierher zum Essen kommt.

CafeKartie:Ja, richtig - so heißt er.
CafeKartie:Ach, sie ist ein Mädchen?

Mir ist nicht klar, wie der Cafe-Besitzer in diesem Moment zu dieser Erkenntnis kommt. Rakkas Verhalten dürfte ihm dabei kaum geholfen haben.

CafeKartie:So was aber auch... dabei habe ich sie die ganze Zeit als Junge angesprochen.
CafeKartie:Bitte sag ihr, daß es mir Leid tut.

Der Besitzer weiß noch gar nichts - seine Entschuldigung kommt zu spät:

Rakka:Kuu hat uns verlassen.
CafeKartie:Das heißt, sie ist verschwunden?

Wieder nickt Rakka nur stumm. Jedes Wort über Kuu ist eine Qual für sie.

CafeKartie:Aha... aber so seid ihr Haibane nun mal, oder?
CafeKartie:Verstehe...

Die übliche Reaktion der Einwohner von Guri - allerdings würde Oyakata den Verlust von Kana nicht so leicht abtun, denke ich mal.

Der Restaurant-Besitzer kehrt zum geschäftlichen Teil der Unterhaltung zurück:

CafeKartie:Ach ja, das ist zum Mitnehmen, richtig?

Wir sehen einigermaßen deutlich, was auf jedem Blatt des Heftes steht:

Note:Bezüglich der Warentransaktion durch unterzeichnenden Haibane übernimmt die Haibane Renmei die Verantwortung für alle im im Zusammenhang mit diesem Zertifikat entstandenen Auslagen.
Note:Datum und Uhrzeit:
Note:Anspruchsteller:
Note:Haibane-Unterschrift:

Rakka will mit ihrem (bereits ziemlich leeren) Haibane-Heft bezahlen. Doch der Besitzer will ihr das nicht zumuten:

CafeKartie:Schon gut, das geht auf mich.
CafeKartie:Heb dir das auf für nächstes Mal, wenn Du hier eine komplette Mahlzeit ißt.
Rakka:Aber...

Wieder einmal ist jemand nett zu Rakka - und wieder fühlt sie, daß sie dies eigentlich nicht verdient hat.

Der Cafe-Besitzer hat sich bereits einem anderen Kunden zugewendet:

CafeKartie:Bitte sehr.
CafeKartie:Guten Appetit.

Obwohl der Besitzer nicht mehr in ihre Richtung schaut, verbeugt sich Rakka zum Dank für die kostenlose Suppe.


Auf der Straße setzt sich Rakka mit ihrer Erbsensuppe auf eine Bank unter einem Baum.

Rakka:Für die Bewohner der Stadt ist Kuus Verschwinden nichts Besonderes.
Rakka:Wahrscheinlich werden sie bald vergessen haben, daß sie überhaupt hier war.
Rakka:Kuu...
Rakka:Kuu, findest du das richtig?

Auf einem Skateboard rollt jemand vorbei, den wir bereits an der Brücke gesehen haben: Hyouko. Der Junge hat erneut sämtliche sichtbaren Haibane-Kennzeichen versteckt. Als er den Halo von Rakka entdeckt, hat er eine Idee...

Rakka bemerkt den Jungen erst, als der sie anspricht:

Hyouko:Hey!
Hyouko:Du da...
Hyouko:Du wohnst doch in diesem heruntergekommenen Haus im Südbezirk?

Rakka ist zu deprimiert, um zu protestieren, aber sie korrigiert immerhin die Bezeichnung ihrer Wohnung:

Rakka:Old Home...

Hyouko ist durchaus nicht unfreundlich - immerhin will er eine Information von dem Mädchen haben.

Hyouko:'tschuldigung.
Hyouko:Aber ihr nennt unser Zuhause ja auch "Müllfabrik", also ist es nur fair...

Innerhalb von Old Home habe ich diesen Begriff nicht gehört - aber wer weiß, wie Reki die Fabrik nennt, wenn sie Hyouko zufällig über den Weg läuft...

Hyouko:Weißt du,...
Hyouko:... ich bin aus dem Ostbezirk.

Hyouko lüftet kurz seine Mütze und zeigt Rakka seinen Halo. Rakka erkennt den Jungen wieder, der sich auf der Brücke mit Reki gestritten hat. Sie erinnert sich daran, daß seine Begleiter ihn beim Namen gerufen haben:

Rakka:Hiyoko-san...

"hiyoko" heißt "Kleiner Vogel, Hühnchen, Püppchen" und wäre eine ziemliche Beleidigung für einen "echten Kerl". (Allerdings eine absolut treffende Bezeichnung für einen Haibane, der sich nicht traut, Flügel und Halo offen zu tragen!) "Hyoko-hyoko" ist das japanische Lautbild für "wackelige Schritte" - man stelle sich ein Hühnchen auf einem zugefrorenen See vor... Das "-san" hinter dem Namen (ungewöhnlich für Guri - die unsichere Rakka versucht, höflich zu sein) macht die Sache auch nicht besser. Entsprechend heftig protestiert Hyouko gegen diese Bezeichnung:

Hyouko:Ich heiße "Hyouko"!
Hyouko:"Hyouko"! Wie in "Eis" und "See"!

Er meint offenbar die Bedeutungen der beiden Kanjis.

Hyouko hat seinerseits Rakka noch nie gesehen, also wundert er sich kurz:

Hyouko:Woher kennst du mich überhaupt?
Hyouko:Na, egal...

Denn er hat mit diesem Mädchen etwas viel Wichtigeres zu besprechen:

Hyouko:Erinnerst dich an den stürmischen Tag vor etwa einem Monat?
Hyouko:Wußtest du, daß aus dem Westwald ein Licht in den Himmel aufstieg?
Hyouko:Mein Kumpel meint, so etwas passiert, wenn ein Haibane die Mauer überwindet.
Hyouko:Aber bei uns fehlt niemand.
Hyouko:Also dachten wir, es war vielleicht jemand von eurem heruntergekommenen...

Hyouko bemerkt seinen "Automatismus" etwas zu spät, korrigiert sich aber sofort:

Hyouko:Äh, ich meine, wir dachten, es könnte vielleicht jemand von Old Home gewesen sein.

Hyouko beugt sich zu Rakka hinab und fragt ganz leise:

Hyouko:War es vielleicht Reki?

Rakka schüttelt nur den Kopf - und Hyouko atmet hörbar auf:

Hyouko:Puh!
Hyouko:Bin ich froh...

Hyouko ist in der Tat nicht der Kandidat, Reki zum Verlassen des Nests zu gratulieren - dazu müßte er sich mit dem Problem, was es bedeutet, Haibane zu sein, intensiver beschäftigen.

Hyouko:Erzähle niemandem, daß ich dich...

Rakkas Suppenbehälter knallt auf die Straße; einen Teil der Suppe hat sie über ihr Kleid verschüttet. Rakka ist fassungslos und zittert vor Empörung:

Rakka:Was meinst du mit "gut"?
Rakka:Ich habe meine Freundin verloren!

Rakka springt auf und rennt davon. Und Hyouko merkt nun (zu spät), daß Rakka genau das zugestoßen ist, wovor er selbst solche Angst hatte. (In Episode 10 werden wir seine Reaktion auf diesen Vorfall erleben.)


Deprimiert kehrt Rakka zurück nach Old Home - und zahlreiche ihrer Federn sind nun schwarz gefleckt. Als sie am Eingang ihr Namensschild umdrehen will, bemerkt sie einmal mehr, daß Kuus Namensschild (das bisher direkt neben ihrem eigenen hing) nun fehlt...

Zwei Krähen scheinen Rakka zu rufen. Sie flattern davon - und schwarze Federn fallen zu Boden.


In Old Home kocht Hikari Spaghetti mit Tomatensoße, Reki steht im Hintergrund und raucht mal wieder, Nemu deckt den Tisch im Gemeinschaftsraum. Kana klaut eine Spaghetti und probiert schon mal...

Hikari:Hey!
Hikari:Kana!
Kana:Die sind ja völlig verkocht.
Hikari:Stimmt doch gar nicht!
Kana:Und ob!

Nemu kommt zurück in die Küche:

Nemu:Wo ist Rakka?
Hikari:Ich wollte sie holen, aber sie war nicht da.

Kana fischt eine Spaghetti heraus und taucht diese in die Tomatensoße.

Hikari:In letzter Zeit ißt sie kaum noch mit uns.

Selbst der sonst so oberflächlichen Hikari ist das also aufgefallen.

Kana:Vielleicht macht sie ja eine Diät?
Hikari:Kana!

Vor Schreck läßt Kana die Spaghetti in den Topf mit der Soße fallen.

Kana:War doch nur Spaß.

Kana macht solche Späße öfters, wenn sie sich um Rakka sorgt.

Kana:Ich habe gehört, sie geht in letzter Zeit oft in die Stadt zum Essen.

Wo hat Kana das gehört? Ist sie besorgt um ihre Freundin und hat vielleicht sogar Erkundigungen beim Restaurant Kartie eingezogen?

Hikari:Ganz allein?
Kana:Vielleicht will sie allein sein.
Kana:Von uns allen war sie am meisten deprimiert wegen Kuu.

Wer weiß - vielleicht hat es Reki noch härter getroffen... Reki hält sich im Hintergrund und hört zu, sagt aber (noch) nichts.

Nemu:Wußtet ihr eigentlich,...
Nemu:... daß Rakka die ganze Zeit Kuus Zimmer sauber gemacht hat?

Woher weiß Nemu das? Sie wohnt nicht im selben Bau wie Rakka und Kuu. War sie selbst ebenfalls in Kuus Zimmer, ohne das jemandem zu erzählen? Kuramori hat das Nest vor fünf Jahren verlassen - selbst Nemu hat keine Übung darin, einen solchen Verlust zu verkraften.

Hikari zieht die Augenbrauen hoch - die wußte nichts davon. Aber Kana verplappert sich:

Kana:Ah, dann war das also Rakka?

Endlich beteiligt sich auch Reki am Gespräch über ihren Schützling:

Reki:Kana, du warst auch in Kuus Zimmer?

Die burschikose Kana möchte natürlich keine Schwäche zeigen:

Kana:Nur einmal.
Kana:Ich habe mich damit abgefunden, daß Kuu nicht mehr hier ist.
Hikari:Anscheinend ist Rakka nicht bereit, das zu akzeptieren.

Nemu hat sich über diesen Punkt auch schon Gedanken gemacht:

Nemu:Ich denke, wir sollten Rakka in Ruhe lassen, bis sie das verarbeitet hat.

Das ist Nemus typische Verhaltensweise: Möglichst nicht einmischen. Reki ist da völlig anders.

Nemu wirft einen fragenden Blick zu Reki hinüber.

Reki:Ja.
Reki:Aber...
Reki:...irgendwann muß sie mal darüber hinweg kommen.

Reki scheint nicht überzeugt zu sein, daß Rakka alleine damit fertig wird - und sie fühlt sich ja auch in besonderer Weise für ihren Schützling verantwortlich.

Auch Hikari möchte gerne etwas für Rakka tun:

Hikari:Wenn wir ihr doch irgendwie helfen könnten.

Und dann Hikari hat einen ihrer berühmten "Einfälle" - alle Mann in Deckung... ;-)

Hikari:Ich weiß, was wir tun!
Hikari:Hört mal zu...

Rakka sitzt in ihrem Zimmer; ihr bekleckertes Kleid hängt auf einem Haken, und außer diesem (und ihrem Schlafanzug) besitzt sie nur die braune Kutte, die sie am ersten Tag in Old Home bekommen hatte. (Was ist aus der Kutte geworden, in der sie aus dem Kokon schlüpfte?)

Rakka:Was soll ich bloß machen...?

Als sie am Spiegel vorbei kommt, bemerkt sie die Flecken auf ihren Flügeln:

Rakka:Das breitet sich ja aus!
Rakka:Heute früh waren die noch nicht da.

Befleckte Flügel und ein beflecktes Kleid... ein Kleid, das Rakka gekauft hat, weil Kuu - ausgerechnet Kuu! - daran gedacht hatte, daß Rakka etwas zum Anziehen braucht. Rakka erinnert sich zweifellos daran - noch mehr schwarze Flecken auf ihren Flügeln...

Die Kamera schwenkt durch Rakkas Zimmer - man sieht Dosen, ein Teeservice, eine Flasche - und eine Schere, welche die Kamera per Zoom deutlich hervorhebt. Rakka starrt auf diese Schere...


Am nächsten Morgen: Eine fröhliche Hikari will Rakka zum Frühstück abholen.

Hikari:Guten Morgen!
Hikari:Zeit zum Aufstehen!

Hikari klingt wie Nayukis Wecker in Kanon... ;-)

Hikari stutzt: Wenn Rakka nicht da ist, kann ihr Plan nicht funktionieren.

Hikari:Bist du wach?

Rakka zögert eine Weile, bevor sie antwortet:

Rakka:Ja.

Hikari atmet auf: Alles in Ordnung.

Hikari:Das freut mich.
Hikari:Es ist eine Weile her, daß wir alle zusammen gegessen haben.

Hikari geht ganz selbstverständlich davon aus, daß Rakka nun auch zum Frühstück kommen wird.

Rakka:Okay.
Rakka:Aber ich...

Rakka zögert. Hikari horcht: Ein leises Rumpeln, dann das Klappern einer herunterfallenden Schere...

Rakka:Ich komme, sobald ich angezogen bin.
Rakka:Geh schon mal vor.
Hikari:Dann warten wir auf dich.

Hikari ist beruhigt (sie hat nichts gemerkt). Sie verbucht ihren Botengang als Erfolg.


Im Gemeinschaftsraum zeigt die Kamera Schnittmuster von Flügelschonern und Nähzeug. Kana greift sich so eine Zeichnung und meint:

Kana:Das sieht ja richtig nach Arbeit aus.
Hikari:Jetzt komm schon und hilf auch mit!

Kana läßt sich auf das Bett fallen und streckt alle Viere von sich:

Kana:Nähen? Ich?
Hikari:Das müssen wir doch alle tun.
Hikari:Die Kleinen brauchen auch welche.

Nemu kommt hinzu:

Nemu:Kana und Nähen...
Nemu:Wenn die versucht, einen Handschuh zu machen, wird am Ende eine Socke daraus.

Reki verzieht ihr Gesicht zu einem Grinsen über Nemus Bemerkung.

Kana:Solcher Fitzelkram ist eben nichts für mich.
Reki:Deinem Chef würden die Tränen kommen, wenn er dich hören könnte.
Kana:Bei Maschinen ist das etwas anderes!
Kana:Die sind wenigstens etwas Solides.

Kana hält ihr Maßband wie ein Schwert in ihrer Hand - genialer Trick! Wie geht das?

Kana:Aber Stoff...

Das Gespräch erstirbt, als sich die Tür öffnet und Rakka mit hängendem Kopf ins Zimmer schleicht. Hikari und Nemu sind sichtlich erleichtert.

Rakka:Guten Morgen.

Rakka kann ihren Freundinnen dabei nicht in die Augen sehen.

Auch Reki atmet auf, als sie Rakkas Stimme hört. Nemu versucht als erste, freundlich zu Rakka zu sein:

Nemu:Guten Morgen, Rakka.

Reki bemerkt derweil Rakkas ungewöhnlichen Aufzug:

Reki:Was ist denn mit deinem Kleid passiert?
Rakka:Das war schmutzig geworden.

Rakka darf nicht "durch jemanden" sagen - das würde Rückfragen "Durch wen denn? Was ist passiert?" nach sich ziehen, die wir hier nicht sehen. Und Hyouko hat sie ja zudem gebeten, nichts von seiner Frage nach Reki zu erzählen.

Rakka:Ich mußte es waschen.

"...und es trocknet gerade."

Endlich darf Hikari ihren "Meisterplan" vor Rakka ausbreiten:

Hikari:Schau doch mal.
Rakka:Was ist das?
Hikari:Flügelschoner!
Hikari:Bald wird es kalt werden.
Hikari:Deshalb dachte ich, wir sollten einen Satz davon für alle mit demselben Muster machen.

Kana bringt ein leicht subversives Element in die Unterhaltung:

Kana:Rakka, bist du gut im Nähen?
Rakka:Nicht besonders.
Rakka:Ich habe wenig Erfahrung damit.
Kana:Großartig! Du bist ein echter Kumpel!

Interessante Methode von Kana, Rakka das Gefühl zu geben, in eine Gruppe eingebunden zu sein... ;-)

Hikari:Kana! Also wirklich...

Hikari ist natürlich nicht erfreut darüber, wie Kana ihr in den Rücken fällt: Eine gemeinsame Näh-Aktion mit Rakka würde helfen, sie wieder in die Gruppe zu integrieren. Hikari ergreift die Initiative:

Hikari:Kein Problem. Ich bringe es dir bei.
Hikari:Es ist ganz einfach.
Hikari:Breite mal deine Flügel aus, damit ich Maß nehmen kann.

Reki zieht schon an dieser Stelle besorgt ihre Augenbrauen hoch... zielsicher ist Hikari ins Fettnäpfchen getreten: Die Flügel sind genau das, was Rakka im Moment am wenigsten gerne zur Schau stellen möchte.

Mit Rakkas Haibane-Symbolen (Halo und Flügeln) hat Hikari kein Glück in dieser Serie: In Episode 1 hatte sie Rakkas Halo durch ihre Backwaren-Experimente beinahe ruiniert, in Episode 2 hatte Rakka sich mit ihren Flügeln bei Washi "blamiert", weil Hikari sie nicht rechtzeitig gewarnt hatte, und jetzt geht ihr Plan, Rakka durch Flügelschoner und Kuus Bett aufzumuntern, massiv nach hinten los - auch diesmal wieder auf Kosten von Rakkas Flügeln.

Hikari:Hm? Was ist denn mit deinen Flügeln passiert?
Rakka:Äh, nichts...
Rakka bringt das "nan[i] demo [nai]" für "Aber, es ist [nichts]" nicht mal vollständig heraus.

Rakka weicht Schritt um Schritt zurück, aber Hikari (ohne jedes Gespür für die Situation) läßt nicht locker.

Hikari:Die sehen ja ganz schön zerzaust aus.
Hikari:Pflegst du sie denn auch sorgfältig?
Rakka:Nicht so sehr...
Hikari:Eben.

Reki steht inzwischen hinter Rakka und hat deren Flügel voll in ihrem Blickfeld. Und es reißt ihr förmlich die Augen auf - dieses Bild kommt ihr bekannt vor...

Hikari:Das ist nicht gut.
Hikari:Du bist doch schließlich ein Mädchen.

Während Hikari noch triviale Floskeln über Äußerlichkeiten weiblicher Wesen von sich gibt, schrillen bei Reki sämtliche Alarmglocken. Sie drängt Hikari zur Seite und nimmt Rakkas Flügel in ihre Hand - sofort bilden sich darauf weitere schwarze Flecken... Reki bleibt fast die Luft weg:

Reki:Rakka!
Reki:Das ist...

Rakka weiß nicht, daß Reki die Flecken bereits gesehen hat. Sie sucht nach einer Ausrede:

Rakka:Äh...
Rakka:Mein Sofa ist ziemlich hart.
Rakka:Vielleicht habe ich sie im Schlaf verletzt.

Auch Nemu ist inzwischen näher gekommen - aber sie hat die Flecken noch nicht entdeckt. Hikari schaut verwirrt zwischen Reki und Rakka hin und her. Auch Kana hat die Ursache des Problems nicht erkannt und versucht, die Symptome zu bekämpfen:

Kana:Oh, du hast immer noch kein Bett?
Kana:So ein Umzug ist ganz schön lästig.
Kana:Wieso nimmst du nicht einfach das hier?

Im Prinzip bräuchte der Gemeinschaftsraum kein Bett - wenn man von Ereignissen wie der Ankunft einer neuen Haibane absieht, wo das sehr praktisch war. Aber das Projekt scheitert an anderen Dingen, wie Nemu anmerkt:

Nemu:Du weißt doch, daß das zu groß für ihr Zimmer wäre.

Was Hikari auf eine Idee bringt:

Hikari:Ah, richtig: Wie wäre es mit dem Bett aus Kuus Zimmer?

Reki und Nemu blicken ihre Mitbewohnerin erstaunt an.

Rakka:Hm?

Jetzt also auch noch Kuu... Rakka bleibt wirklich keines ihrer Angst-Themen erspart. Kana bemerkt überhaupt nichts:

Kana:Ah, gute Idee.
Kana:Ich helfe dir beim Transport.
Rakka:Aber... ist das...?

"... denn wirklich in Ordnung, Kuu einfach so ihr Bett wegzunehmen?", denkt Rakka verzweifelt.

Nemu sieht eine Chance, Rakka an die Idee zu gewöhnen, daß Kuu nicht zurück kommen wird:

Nemu:Kuu würde sich bestimmt freuen, wenn du es bekommst.
Rakka:Vielleicht würde sie das, aber...
Rakka:Aber...

Schwarze Flecken breiten sich über Rakkas gesamtes Gefieder aus. Reki starrt entsetzt auf dieses Bild:

Reki:Rakka!

Reki eilt auf Rakka zu und will ihr helfen - aber Rakka stößt sie zurück! Alle schnappen nach Luft - selbst Rakka kann kaum fassen, was sie gerade getan hat. Rakka weicht immer weiter zurück und rennt aus dem Zimmer. Die anderen Haibane bleiben fassungslos zurück.

Es war einer der glücklichsten Augenblicke dieser Serie: Das neue Mädchen, noch ohne Name, Halo und Flügel, erwacht, als eine Gruppe von Engeln durch die Tür dieses Zimmers herein strömt. Sind sind zu fünft - fröhlich und beladen mit allem Notwendigen zum Leben, überschäumend von Geplapper und gutem Willen. Sie sind gekommen, um ihre Schwester zu begrüßen. Sie scharen sich um ihr Bett in selbstverständlicher Vertrautheit. Der Raum ist hell und warm.

Doch nun sind die Seiten vertauscht: Rakka, mit schwarzen Flügeln, hat die Hand derjenigen, die sich am meisten um sie gekümmert hat, zur Seite geschlagen. Sie starrt zurück in das Zimmer durch genau diese Tür. Die anderen sind wie gelähmt, mit leeren Händen, still, hilflos angesichts ihres verzweifelten Gesichts. Sie sind nun getrennt voneinander. Sie sind nur noch zu viert; das Band ist zerschnitten.

Der Kerosin-Ofen versagt jämmerlich beim Versuch, die plötzliche Kälte in diesem Raum zu überwinden. Diejenige, welche die Lücke hätte füllen sollen, die Kuus Abschied hinterlassen hat, wendet sich ab und flieht voller Scham.

Kana:Rakka!?
Hikari:Oh weh - habe ich etwas Falsches gesagt?

Die beiden jüngeren Haibane sind völlig ratlos. Nur Reki begreift, was gerade passiert ist.

Reki:Nein. Hikari, das ist nicht deine Schuld.

Reki, die so viel getan hatte, damit Rakka ihr vertraute und sich ihr zuwendete, muß bis in ihr Innerstes erschrocken sein, als sie nun von Rakka zurückgestoßen wird. Dennoch füllt sie hier ihre Führungsrolle aus:

Reki:Ich... werde mit ihr reden.

Reki hat alle Mühe, ihre Fassung zu behalten und Rakkas Verhalten herunterzuspielen. Noch hat niemand außer ihr selbst die Flecken auf Rakkas Flügeln bemerkt.

Hikari ist wild entschlossen, wieder gut zu machen, was immer sie "verbockt" haben mag:

Hikari:Ich komme auch mit!

Aber Reki weiß, daß in dieser Situation nur eine mit Rakka reden kann: Jemand, die dasselbe bereits erlebt hat - sie selbst.

Reki:Nein, laß mich das machen.

Fast die gesamte Serie über (bis zur Mauerfieber-Szene) wird Hikari von Reki bevormundet - oftmals ist sie ihrer älteren Mitbewohnerin nicht einmal eine Antwort wert.

Hikari:Aber...
Reki:Das ist schon in Ordnung.

Rekis Standardspruch, wenn ihr nichts mehr einfällt: Sie versucht, wenigstens die anderen trösten, ohne ihre eigene Verzweiflung zu zeigen. Eine zutiefst betrübte und völlig ratlose Hikari bleibt zurück - und verkriecht sich in der Arbeit, die zahlreichen Flügelschoner nun fast alleine herstellen zu müssen (ohne Rakka, ohne Reki, und vermutlich auch ohne Kana - nur Nemu wird ihr vermutlich helfen).


In einem letzten Anflug von Hoffnung hatte Reki ihr Schicksal bedingungslos an dasjenige des Neuankömmlings gebunden.

In Episode 13 werden wir sehen, was in Episode 1 geschah, während sich Rakka noch im Inneren des Kokons befand: Reki gelobte, eine gute Haibane und immer für Rakka da zu sein. Sie pflegte Rakka, als deren Flügel wuchsen, und teilte ihren Schmerz, als Rakka auf ihren Daumen biß. Reki reinigte Rakkas Flügel, sie trug sie ins Bett, als Rakka sich übernommen hatte, beide teilten die Erfahrung, als Rakkas Halo endlich funktionierte, sie tranken den ersten Tee zusammen, und Reki war es, die Rakka in Old Home willkommen hieß. Wenn dieses Mädchen durch Rekis Hilfe erlöst werden würde, dann hätte auch Reki ihre Chance, an die sie schon nicht mehr geglaubt hatte: Nur Rakka kann Reki retten.

Was es auch kosten mag, Reki wird Rakka nicht fallen lassen. Sie kann es nicht, denn wenn Rakka versagt, dann Reki mit ihr. Keine der anderen kann dies für Reki tun. Rakka ist offensichtlich schwach, sonst hätte sie nicht solche Probleme. Reki ist stark, fähig, erfahren genug; was auch immer Rakkas Problem sein mag, Reki wird es lösen - weil sie es lösen muß.

Als Reki vor Rakkas Zimmertür steht, hat sie ihre Ruhe wiedergefunden. Irgendwo tief in ihr spürt sie noch die Panik, aber die Jahre als Stein leisten ihr nun gute Dienste.

Im Gegensatz zu Rakka in Episode 3 klopft Reki immerhin an...

Reki:Rakka?

Reki lauscht an der Tür und hört Rakka schluchzen. Sie könnte durch das kleine Seitenfenster rechts oben sehen - als sie Rakkas Kokon fand, war es dieses Fenster, durch welches Reki das Leuchten des Kokons aufgefallen war. Aber Reki hat ihren Entschluß bereits gefaßt:

Reki:Rakka, ich komme rein.

Rakka hat sich in eine Ecke ihres Zimmers verkrochen. Überall liegen befleckte Federn herum - und eine Schere. Die klassische "Teenager-Selbstverstümmelungs-Hilfeschrei"-Szene - aber nur Reki hat diesen Schrei gehört. Und sie ist geschockt:

Reki:Was hast du getan?

Reki weiß es nur zu gut - aber sie weigert sich, es schon in diesem Augenblick zu akzeptieren.

Reki, Du glaubtest, es wäre nur ein kleiner Zwischenfall? Ein paar Flecken vertuschen und Rakka über das Problem mit Kuu hinweg helfen, und das war's? Rakka, deine Rakka, still, scheu, aber ansonsten klug und fröhlich, konnte unmöglich so schwer verletzt sein wie du selbst, nicht wahr? Dein Schmerz mußte schlimmer sein als der einer jeden anderen?

Rakka:Bleib weg von mir!

Für einen Moment ist Rakkas Gesichtsausdruck verärgert. Sie will alleine gelassen werden, um sich ihrer Selbstzerstörung hinzugeben. Reki wird bestimmt versuchen, sie davon abzubringen; sie wird ihr sagen, wie dumm ihr Verhalten sei, wie sie alle anderen enttäuscht und deren Gefühle verletzt hat. Wieder einmal.

Aber Reki sieht gar nicht streng aus. Ihr Blick ist... traurig? Rakkas Augen sind groß, sie weint nicht mehr, sie wundert sich - will Reki sie denn nicht aufhalten? Sie greift nach der Schere, fast verzweifelt, um zu beenden, was sie begonnen hat.

Reki nimmt Rakka in die Arme, genau wie Kuramori das damals mit ihr getan hat. Und legt ihre Hand auf Rakkas Hand mit der Schere. Die Verstümmelung von Rakkas Flügeln hat sie stoppen können, aber nun ist sie mit ihrem Latein am Ende. Diesen Schmerz von Rakka, den Reki selbst nur zu gut kennt, den kann sie nicht heilen. Nur Rakka selbst könnte das vielleicht. Reki ist hilflos.

Die schwarzen Flecken breiten sich auf Rakkas Flügeln aus - Rakka schreit vor Schmerz auf, und derselbe Schmerz durchzuckt Reki. Rekis Gesicht verzerrt sich - sie weiß genau, wie sich das anfühlt.

Rekis Gesicht ist starr und entschlossen. Sie ist wütend auf die Mächte, welche Rakka und sie selbst in diese Lage gebracht haben. Für einen Moment verliert sie die Kontrolle und steht kurz davor, vor Enttäuschung zu weinen. Die Götter haben sie betrogen! Sie verlangten von ihr, ihre Seele zu verwetten, und spielten mit gezinkten Karten! Reki nimmt Rakka die Schere aus der Hand...

Reki:Es wird alles gut werden.

Das ist alles, was Reki mechanisch wiederholen kann. Aber Rakka schüttelt den Kopf auf Rekis Schulter:

Rakka:Es breitet sich immer mehr aus.
Rakka:Ich habe Angst.

Rekis blickt schweift in die Ferne. Sie sieht verloren aus, Ihre Augenbrauen hängen herab, sie ist verwirrt. Was kann sie jetzt noch tun?

Und dann schließt sie die Augen und läßt alle Hoffnung fahren. Es gibt nichts, was sie tun kann. Alle ihre Pläne sind zunichte. Dieser Preis ist einfach zu hoch. All ihre Hoffnungen sind nicht die Schmerzen wert, die Rakka erdulden muß.

Rekis Gesicht entspannt sich zu einem winzigen Lächeln - nur ganz leicht verzieht sie den Mund. Zum ersten Mal, seitdem sie sich erinnern kann, fühlt sie selbst keinen Schmerz. Das wird nicht von Dauer sein, aber für den Moment...

Reki:Es ist alles in Ordnung.

Und diesmal ist es das tatsächlich. Was immer Reki an selbstsüchtigen Plänen gehabt haben mag: Der Giftpfeil ist aus ihrem Herzen entfernt, und die Wunde hat nun eine Chance, zu heilen. Der Weg bis dahin wird finster und steinig sein, aber sie ist nicht mehr allein. Da ist eine andere Hand, welche die ihre halten wird im Anblick des tosenden Chaos, eine andere Hand, welche ein kaltes Metall aus ihrem Herzen entfernt hat. Eine andere Hand, die der Schmerz die Stärke gelehrt hat, als Reki selbst schwach war - und die ihr erst vor kurzem und unaufgefordert zu Hilfe kam, als sie selbst ihren eigenen Alptraum vor Augen hatte: Rakkas Hand.

Die Lektion, die Reki hier zu lernen hat, ist: Auch sie kann nicht alle Probleme lösen. Rakka muß alleine mit sich klar kommen. Wir erinnern uns an Episode 1: "Haibane müssen von selbst die Schale brechen, sonst werden sie nicht stark werden." Weder Reki noch Rakka haben zu diesem Zeitpunkt ihren Kokon bereits vollständig verlassen.

Reki könnte an dieser Stelle Rakka aufgeben, "als Verlust abschreiben", sich in ihr Atelier zurückziehen und in ihre Einzelteile zerfallen - buchstäblich. Doch statt dessen bleibt sie, um ihrer Freundin zu helfen - um Rakkas Willen, nicht für sich selbst. An diesem Punkt beginnt Rekis Erlösung.

Rakka:Bin ich... krank?

Reki schreckt von ihrer kurzen Träumerei auf. Ein weiterer Ausbruch des Schmerzes - aber es ist der Schmerz ihrer... ihrer Freundin, nicht ihr eigener. Ja, Reki hat nun eine Freundin, die leidet und sich fürchtet, und die ihre Hilfe benötigt.

Rakkas unmittelbare Krise ist überwunden. Der Moment ihrer Heilung wird nicht so bald kommen, aber sie ist nicht länger gestrandet. Im Moment ist sie vor allem verwirrt.

Reki:Nein, das ist es nicht.
Reki:Du bist nicht krank.
Reki:Rakka...
Reki:Rakka, du hast nichts Böses getan.

Und was hat Reki "Böses" getan, um ihre tsumitsuki-Flügel "verdient" zu haben? Hätte sie mit dem Washi darüber gesprochen, hätte sie sich intensiver mit dem Rätsel befaßt, das Washi ihr gestellt hatte, dann wüßte sie viel besser, was mit Rakka (und ihr selbst) los ist.


Reki hat Rakka mit in ihr Zimmer genommen, wo sie die Flügel des Mädchens behandelt.

Rakka:Das brennt...

Rekis Gesicht ist wieder entspannt: Sie hat etwas zu tun - die Arbeit hilft ihr dabei, ihre düsteren Gedanken zu verdrängen.

Reki:Weil du deine Federn abgeschnitten hast.
Reki:Spüle sie morgen mit kaltem Wasser aus.
Reki:Damit sollten die Flecken nicht so sehr auffallen.

Vollständig verdecken lassen sich die Flecken auf diese Weise nicht, wie wir in den Episoden 8 und 13 sehen werden.

Rakka weiß noch nicht, was Reki da tut. Aber sie versucht, es zu begreifen, und stellt wie immer viele Fragen:

Rakka:Das ist... Medizin, nicht wahr?
Rakka:Also... bin ich wirklich krank?
Reki:Das ist ein Farbstoff, den ich aus dem Baum des Alten Mannes gewonnen habe.
Reki:Es heißt, daß er vor bösen Blicken schützen soll.

Zumindest bei Reki hat er genau das bewirkt - und die hat 7 Jahre Erfahrung damit.

Reki weiß nicht genau, wie dieser Farbstoff tatsächlich wirkt. Jemand sagte ihr, daß er "böse Blicke abwehrt". Sie weiß aus Erfahrung, daß der Farbstoff dabei hilft, die dunklen Flecken auf ihren Flügeln zu verdecken. Sie weiß aber auch, daß sie sich nicht an ihren Kokon-Traum erinnern kann und daß sie andere Dinge zu erledigen hat, um am "Segen von Guri" teilhaben zu dürfen. Reki ist klar, daß der Farbstoff ihren tsumitsuki-Zustand nicht heilt.

In Manga 4 sehen wir, wie Washi damals Reki den Farbstoff gab, als Antwort auf Rekis Frage: "Wenn ich eine gute Haibane werde genau wie Kuramori, werde ich sie dann wiedersehen?" Washi antwortet "Sicher" und gibt ihr den Farbstoff. Offensichtlich besteht Einigkeit darüber, daß der Farbstoff alleine nicht Rekis Weg zur Seligkeit sein kann.

Reki verwendet den Farbstoff, um zu verhindern, mit schwarzen Flügeln gesehen zu werden. Das erspart ihr unnötigen Ärger durch "Gaffer", aber es ist nur eine Tarnung. Reki ist sich dessen bewußt.

Rakka:Der "Baum des Alten Mannes"?
Reki:Ich glaube, er heißt yuki-rinbuku.

Der Schlehdorn blüht sehr früh im Frühjahr (manchmal schon im März) mit weißen Blüten, die Früchte werden z. T. erst nach dem ersten Frost geerntet, was das "yuki" im Namen erklären dürfte. Die Dornen liefern schwarze Dornentinte, die Rinde roten Farbstoff für Wolle und Leinen.

Reki:Er wächst nur in der Nähe der Mauer.
Reki:Sein Stamm wächst nicht gerade, sondern wie der Rücken eines alten Mannes.
Reki:Aber, Rakka: Halte dich von der Mauer fern.
Reki:Sie ist gefährlich.

Rakka hat aufmerksam zugehört - und sie "legt den Finger in die Wunde":

Rakka:Reki, wieso besitzt du so eine spezielle Medizin?

Rakka ist weniger auf den Farbstoff als vielmehr auf ihren eigenen Zustand fixiert: "Bin ich krank?" Für sie bestätigt der Einsatz des Mittels, daß mit ihr etwas nicht in Ordnung ist. Bis zum Zwischenfall an der Mauer weiß sie nicht, was tatsächlich mit ihr los ist; bis zu diesem Zeitpunkt bekräftigt der Farbstoff Rakka vor allem in ihrer Überzeugung, als Haibane versagt zu haben. Wie der Farbstoff tatsächlich wirkt, damit beschäftigt sie sich überhaupt nicht näher. Darüberhinaus überschlagen sich die Ereignisse von diesem Moment an - es wird keine 48 Stunden dauern, bis Rakka den Farbstoff nicht mehr benötigt...

Rakka:Und... woher weißt du das alles?

Reki hält mitten in der Bewegung beim Befeuchten von Rakkas Flügeln an - Rakka spürt sofort, daß das keine unkritische Frage war.

Die Musik setzt ein - Reki muß nun also erzählen, was wirklich los ist. Wahrscheinlich hat sie die gesamte Geschichte noch nicht mal Kuramori in dieser Vollständigkeit erzählt. Reki öffnet ihr Herz gegenüber Rakka, sie bringt ihr ein ungeheures Vertrauen entgegen in dieser Szene - zum ersten Mal seit vielen Jahren.

Reki:Diese Stadt existiert für die Haibane.
Reki:Die Mauer ist hier, um die Haibane zu beschützen.
Reki:Gute Haibane leben glücklich in dieser Stadt.
Reki:Und wenn ihre Zeit gekommen ist, überwinden sie die Mauer.

Bis hierher sagt Reki "sie/die Haibane" - nicht "wir/uns". Wir werden gleich sehen, warum sie das tut...

Reki:Aber es kommt vor, daß eine Haibane geboren wird, die den Segen dieser Stadt nicht empfangen kann.
Reki:Eine Haibane, die sich an ihren Traum im Kokon nicht erinnern kann.

Das dürfte für Rakka, die ja spürt, daß sie ebenfalls einen Teil ihres Traums vergessen hat, nicht gerade beruhigend wirken.

Reki:Für sie wird nie der Tag kommen, an dem sie das Nest verlassen kann.

Reki irrt sich in diesem Punkt - in Episode 10 wird sie von Washi erfahren, daß auch ihr Tag kommen wird, unabhängig vom Zustand ihrer Flügel.

Reki:Für eine solche Haibane ohne Segen wird die Stadt zu einem Käfig, aus dem niemand entkommen kann.

Der Vogelkäfig für das geflügelte Wesen... ich habe diese Zeilen absichtlich so formuliert (Einzahl statt Mehrzahl), denn Reki meint eine ganz bestimmte Haibane damit: Sich selbst. Und in Episode 13 wird sie dieses Bild wiederholen, in noch intensiverer Form.

Reki:Eine solche Haibane nennt man...
Reki:... "tsumitsuki".

Die Mehrdeutigkeit des Begriffs "tsumitsuki" ist meiner Meinung nach der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Serie.

Washi wird diesen Begriff später so erklären, daß die Bedeutung "sin-bound" ("gebunden durch Sünde") dabei entsteht (und Reki hat diese Erklärung von Washi exakt so gehört, als Washi ihr das Rätsel stellte). Yoshitoshi Abe selbst erwähnte in einem Interview, daß er "sin-bound" als die gewünschte Übersetzung ansehe.

Die wahre Ursache für "tsumitsuki"-Flügel ist aber keine Sünde, sondern vielmehr ein Schuldgefühl (das "schwer auf ihnen lastet" - deshalb werden Rakkas Flügel "leichter", nachdem sie in Episode 10 ihr Mauerfieber überstanden hat). Weder Reki noch auf Rakka werden durch eine tatsächliche Sünde, für welche die beiden "büßen" müßten, in Guri festgehalten. (Dies spricht auch gegen die Selbstmordtheorie für diese beiden - selbst Rekis Tod war eher das Ergebnis der Aufgabe ihres Widerstandes als eine aktive Entscheidung.)

Rekis Problem besteht ganz fundamental darin, daß sie ihre Erlösung an der falschen Stelle sucht. Sie glaubt, für etwas büßen zu müssen, was sie (in einer früheren Existenz) als Sünde auf sich geladen (und mit den Einzelheiten ihres Kokon-Traums vergessen) hat; deshalb versucht sie, die "beste" aller Haibane, nämlich Kuramori, nachzuahmen: "Sei eine gute Haibane, dann wird dir vielleicht verziehen." Rekis tatsächliches Problem liegt aber vielmehr in der Gegenwart und in ihr selbst - sie hält sich der Hilfe anderer für unwürdig, deshalb bittet sie niemanden darum. Sie hält sich auch für unwürdig, die Mauer zu überwinden (gegenüber Rakka nennt sie sich selbst "Sünderin" und "Verbrecherin") - und da die Mauer im Wesentlichen die Gedanken einer Haibane reflektiert (wie wir später an Rakka sehen werden), gelingt es ihr auch nicht.

Mit Rakka ist es genauso: Auch die hält sich für wertlos. Beide unterscheiden sich nur in der Art ihrer "Fluchtreaktion": Reki wird zu Stein (um den Schmerz zu unterdrücken), und Rakka verschwindet (weil sie glaubt, niemand würde sie vermissen - genau darin liegt ihr Irrtum: Der Vogel ihres Kokon-Traums hat sie sehr wohl vermißt).

Nun besteht aber die Aufgabe einer Haibane in Guri darin, zu "reifen", ihren Charakter weiter zu entwickeln. Reki und Rakka müssen ihr Problem jeweils selbst erkennen und lösen. Wobei das Erkennen durch die Hilfe eines "Führers" erleichtert werden kann - bei Rakka ist der Vogel dieser Führer (Rakka hat im Vergleich zu Reki einfach Glück), während Reki diese Hilfe nicht hat (wie Washi Rakka explizit erklärt - deshalb beschließt Rakka später, der Vogel für Reki zu werden). Aber Washi selbst darf dieser Führer nicht sein - jedenfalls nur bis zu einer bestimmten Grenze. Würde Washi ihnen erklären, daß nicht eine Sünde, sondern ein Schuldgefühl auf ihnen lastet, dann würden beide folgerichtig die Ursache bei sich selbst suchen - Washi hätte ihnen die Lösung des Rätsels vom "Rad der Sünde" dann auf dem Tablett präsentiert. Genau das darf er nicht (obwohl er es im Falle von Reki am liebsten tun würde...) - er muß in Rätseln sprechen.

Deshalb darf die "gängige" Übersetzung von "tsumitsuki" - also diejenige, die Reki an Rakka weiter gibt - nicht den Begriff der "Schuld" enthalten, sondern muß ungefähr "in Sünde gefangen" oder "durch Sünde gebunden/gefesselt" lauten, auch wenn dies nicht der eigentlichen Natur dieses Begriffs entspricht.

Rakka:Also bin auch ich...

Das wäre in der Tat die logische Schlußfolgerung. Aber Reki widerspricht sofort:

Reki:Nein, Rakka. Für dich gilt das nicht.
Reki:Ich habe deinen Kokon gesehen.
Reki:Ich habe das Blut von deinen Flügeln entfernt.

Was bei Reki selbst damals niemand getan hatte - deshalb glaubt Reki, bereits mit befleckten Flügeln geboren zu sein. Folgerichtig gab Reki sich bei Rakkas Ankunft alle Mühe, der Neuen ein ähnliches Schicksal zu ersparen. Um so mehr ist sie über den Verlauf der Ereignisse nun erschrocken.

Reki:Die Farbe deiner Flügel war ein schönes Grau.

Reki hält die ganze Angelegenheit für eine Art Irrtum, obwohl sie tief in ihrem Inneren vielleicht hofft, eine lebenslange, ebenfalls "gebundene" Kameradin gefunden zu haben - geteiltes Leid ist halbes Leid. Sie behandelt Rakka aus zwei Gründen mit dem Farbstoff: Einerseits, um zu verhindern, daß Rakka "ausflippt" (quasi als Beruhigungsmittel also), und andererseits, um die anderen Haibane aus dem "inneren Kreis" der Schuldbeladenen herauszuhalten.

Reki glaubt an ihre Worte - obwohl die Ereignisse ihr doch zeigen müßten, daß sie falsch liegt: "tsumitsuki" kann man jederzeit werden. Das müßte ihre Argumentation eigentlich wiederlegen... aber Logik ist nicht Rekis Stärke.

Reki:Du bist eine gesegnete Haibane.

Reki senkt ihren Kopf - und legt ihre Karten auf den Tisch. Es gilt ja, Rakkas Frage zu beantworten, woher sie das alles weiß und wieso sie den Farbstoff besitzt.

Reki:Anders als ich.
Rakka:Reki...? Aber du bist doch nicht...
Reki:Was aus meinem Rücken hervorbrach, waren Flügel voller schwarzer Flecken.
Reki:Ich war tsumitsuki von Beginn an.
Reki:Ich konnte mich nicht richtig an meinen Traum im Kokon erinnern.
Reki:Wegen der schwarzen Flügel hatten alle Angst vor mir.
Reki:Sogar Nemu ist mir anfangs aus dem Weg gegangen.
Reki:Wäre Kuramori nicht gewesen, dann wäre ich bis heute ganz allein geblieben.
Rakka:Kuramori?

Statt einer Antwort entfernt Reki die Abdeckung einer ihrer Staffeleien.

Rakka:Ist die aber schön.
Reki:Ja.

Es wäre naheliegend, wenn Reki Kuramori positiv verklärt gemalt hätte - wir können aber in den Rückblenden sehen, daß sie tatsächlich so aussah.

Reki:Sie war eine Mutter für die Kleinen und ein guter Ratgeber für Nemu und mich.
Reki:Trotz ihrer anfälligen Gesundheit ging sie tief in den Wald, um den Farbstoff für mich zu besorgen.

Was damals eine Schlüsselszene in der Beziehung zwischen Reki und Nemu war, wie wir in Episode 10 erfahren.

Reki:Sie war es, die das Gästezimmer so eingerichtet hat, wie es jetzt ist.

Auch diese Szene werden wir in Episode 10 zu sehen bekommen.

Reki:Dadurch konnte Kuramori mit Nemu und mir zusammen dort wohnen.

Nemu erzählte Rakka bereits in Episode 3, daß sie und Reki früher Zimmergenossinen waren.

Reki:Kuramori hatte keine Angst vor mir.
Reki:Sie war immer an meiner Seite.
Reki:Aber nicht aus Mitleid.
Reki:Sie war einfach für mich da.

Rakka ist beeindruckt. Aber sie ist auch nicht bereit, Reki als "böse" zu akzeptieren:

Rakka:Sie muß eine gute Haibane gewesen sein.
Rakka:Aber ich denke, du bist auch eine gute Haibane.

In ihrem Reflex, sich selbst als wertlos darzustellen, erzählt Reki immer weiter:

Reki:Ich bin eine Verbrecherin.
"zainin". Das, was Reki ab hier zu erzählen hat, ist keine Sünde, sondern eine Straftat, die sie begangen hat - ein Verstoß gegen die Regeln der Stadt.
Reki:Vor fünf Jahren verließ uns Kuramori.
Reki:Damals wußte ich nichts über das "Verlassen des Nests".
Reki:Für mich war es, als hätte sie mich verlassen.
Reki:Nemu war besorgt um mich.
Reki:Sie forschte in der Bibliothek nach den alten Legenden...

Wahrscheinlich zusammen mit Sumika, die sich in diesem Bereich bestens auskennt.

Reki:... und erzählte mir von dem Tag, an dem Haibane das Nest verlassen.
Reki:Aber ich weigerte mich, ihr zu glauben.
Reki:Ich war völlig verblendet.
Reki:Ich war voller Hass.

Reki erzählt Rakka also, daß sie unfähig war, Kuramori zum Verlassen des Nestes zu beglückwünschen, und daß dies (zumindest die Ursache für) ihr Verbrechen war. Was muß Rakka also logischerweise annehmen? Daß ihre eigene Unfähigkeit, Kuu "loszulassen", ihre eigene Sünde sei und die Flecken auf ihren Flügeln die Strafe dafür! Das ist natürlich eine völlig falsche Idee.

Reki:Ich glaube, ich habe viele schreckliche Dinge zu Nemu gesagt.

In Episode 13 werden wir einen von Rekis Wutanfällen im Rückblick zu sehen bekommen.

Reki:Ich rannte fort von Old Home.
Reki:Und an dem Ort, wohin ich geflohen war, wiederholte ich dieselben Fehler.

Reki erzählt Rakka nichts von den Haibane der Verlassenen Fabrik.

Reki:Schließlich wurde ich von der Bürgerwehr festgenommen.
Reki:Und die Haibane Renmei bestrafte mich.

Im Manga 4 sehen wir Reki in einer Gefängniszelle sitzen!

Reki:Aber du, Rakka, hast nichts getan, wofür man dich bestrafen würde.
Reki:Deshalb...
Reki:... muß das irgendwie ein Irrtum sein.

Und wessen Irrtum soll es sein? Ein Irrtum Gottes? Reki geht der Frage nicht weiter nach.

Reki:Ich bin sicher, das wird bald wieder in Ordnung sein.

Auch wenn Reki nicht an ihre eigenen Worte glauben mag, versucht sie alles, um Rakka zu beruhigen.

Rakka ist in diesem Moment in einer Art Selbstschutz-Reflex. Was sie bis hierher gehört hat, muß für sie Anlaß zu den schlimmsten Befürchtungen sein. Reki konnte den Abschied von Kuramori nicht verwinden, sie erinnert sich nicht an ihren Traum aus dem Kokon, ihre Flügel hatten dieselbe Farbe - Reki hat ihr noch kein Argument dafür geliefert, daß nicht tatsächlich beide dasselbe Problem haben! Fast automatisch fragt Rakka deshalb weiter:

Rakka:Reki, du erinnerst dich nicht an den Traum im Kokon?
Reki:Nur bruchstückhaft.
Reki:Ich habe ein Bild nach dem anderen gemalt, um mich zu erinnern.

Und Reki zeigt Rakka diese Bilder. So viel Vertrauen hat Reki noch niemandem gegenüber aufgebracht, denke ich. Es gibt nur noch wenige Geheimnisse, die Reki vor Rakka verbirgt: Ihr Kokon-Zimmer - und ihre Wette.

Reki:Seitdem ich hierher kam, habe ich immer wieder Albträume.
Reki:Es ist eine sehr kalte Nacht, und ein roter Mond steht am Himmel.
Reki:Ich bin ganz allein und gehe auf einem Pfad voller Steine.
Reki:Dann passiert dort etwas.
Reki:Ich kann mich nicht daran erinnern.
Reki:Aber es ist etwas Schreckliches.
Reki:Ich wache schreiend auf.

Rakka hat Reki in Episode 3 nach einem solchen Traum schreien hören - nun weiß sie, was Reki da erlebt hatte. Und eigentlich hat sie nun bereits die vierte Parallele zwischen Reki und sich selbst gefunden - denn auch Rakka hatte bereits (mindestens) einen Albtraum, zu Beginn von Episode 4.

Reki:Es ist immer derselbe Traum.
Reki:Ich verstehe das alles nicht.
Reki:Warum sind einige Haibane gesegnet und andere verflucht?
Reki:Warum wurde ich tsumitsuki geboren?

Tatsächlich wissen wir nicht, ob Reki bereits während des Schlüpfens aus ihrem Kokon "verflucht" war.

Rakkas Beispiel zeigt, daß Reki danach zunächst einmal etwa einen Tag lang geschlafen haben muß. Und danach bekam sie ihre Flügel, ganz alleine - das muß höllisch weh getan haben, und ohne jede fürsorgliche Betreuung (als Nemu den Kokon schließlich entdeckte, waren Rekis Flügel bereits gewachsen) muß Reki vor Angst fast gestorben sein. Danach dann noch das Fieber... all dies könnte problemlos ausreichen, denselben Schock bei Reki zu hinterlassen wie Kuus Abschied bei Rakka. Vielleicht waren Rekis Flügel ganz zu Beginn noch ohne Flecken.

Reki weiß jedenfalls sehr genau, wieso sie sich in den ersten Stunden nach Rakkas Ankunft nach besten Möglichkeiten für die Neue einsetzt.


Rakka kehrt zurück in ihr Zimmer. An der Türe hängen fertige Flügelschoner für sie; in einem davon steckt ein Zettel:

Note:Bitte verzeih mir.

Hikaris Handschrift, vermutlich. Rakka drückt die Flügelschoner an sich - in Ermangelung ihrer Erschafferin...

Rakka:Bis jetzt dachte ich, diese Stadt sei ein Paradies.

Und sie selbst verdiene es gar nicht, hier zu leben...

Rakka:Aber...
Rakka:... obwohl sich jeder um den anderen sorgt und alle das Beste füreinander geben...
Rakka:... geschehen dennoch traurige Dinge.
Rakka:Einige leiden unter dem Fluch, der auf ihnen lastet.
Rakka:Was sind Haibane wirklich?

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