Haibane Renmei

Episode 1: Der Kokon - Der Traum, vom Himmel zu fallen - Old Home


Ein blubberndes Geräusch... ein Licht, auf welches sich die Kamera zu bewegt... als sie dieses Licht erreicht, ein lautes Platschen. Es klingt, als würde jemand aus großer Tiefe auftauchen und durch die Wasseroberfläche stoßen. (Ist Rakka also ertrunken? Hat der Rettungstaucher sie nicht gefunden?)

Eine Krähe, flügelschlagend, verliert eine schwarze Feder. Im Hintergrund eine Bewegung nach unten. Die Krähe fliegt in diese Richtung.

Ein Mädchen fällt senkrecht vom Himmel, mit dem Kopf nach unten. Der Himmel ist nachtblau und wolkenlos.

Die Krähe erreicht das Mädchen und versucht, mit derselben Geschwindigkeit zu fallen wie sie. Ein Krächzen der Krähe - das Mädchen öffnet ihre Augen:

Rakka:Wo...

"... bin ich", würde sie wahrscheinlich weiter sprechen. Aber sie tut es nicht - noch nicht. Denn ein Blick zeigt ihr, wo sie ist:

Rakka:Ich falle vom Himmel.

Der Vogel umkreist das fallende Mädchen. Er fliegt nun auf Kopfhöhe zu ihr, und das Mädchen nimmt ihn in ihre Arme.

Rakka:Seltsam.
Rakka:Warum habe ich keine Angst?

Wieder krächzt die Krähe - direkt in das Gesicht des Mädchens.

Rakka:Sorgst du dich um mich?

Das Mädchen blickt sich nun erneut um:

Rakka:Wo bin ich?

Denn was sie sieht und was sie fühlt, paßt irgendwie nicht zusammen:

Rakka:Es fühlt sich weich und warm an.
Rakka:Aber ich habe keine Gefühle mehr.
"Mein emotionales Herz ist kalt."

Rakka stirbt - ihre Seele stellt ihre Funktion ein. Doch jemand, der sich um sie sorgt, ist bei ihr - weich, warm und Sicherheit gebend. Vielleicht stirbt Rakka in den Armen ihres Vaters?

Rakka:Ich habe keine Angst.
Rakka:Mein Herz hat aufgehört, zu schlagen.
"Mein physisches Herz ist kalt."

Das Mädchen zieht den Vogel eng an ihre Brust. Sie ist tot und hat deshalb keine Gefühle wie "Angst" mehr.

Der Vogel löst sich aus ihren Armen. Er greift den Saum des Kleides des Mädchens und versucht, den Sturz abzubremsen. Natürlich ist er viel zu schwach dafür und erzielt keinen spürbaren Effekt. Das Mädchen merkt das auch, und sie schüttelt den Kopf:

Rakka:Das hat doch keinen Sinn.

Der Vogel versucht, Rakka daran zu hindern, zu fallen - also Guri zu betreten. Er symbolisiert jemanden, der versucht, Rakkas Leben in deren vorheriger Existenz zu retten. Um so schmerzhafter muß es für diesen Vogel sein, erst umarmt zu werden und dann zu hören, es habe doch keinen Sinn...

Das Mädchen ist sich immerhin bewußt, daß der Vogel ihr helfen will:

Rakka:Trotzdem... danke.

Der Vogel läßt nun los - und schießt in die Höhe, während das Mädchen mit unverminderter Geschwindigkeit weiter fällt.

Der Himmel wechselt seine Farbe von dunkelblau zu blaßgrün - mit dieser Hintergrundfarbe werden wir Rakka später im Inneren des Kokons sehen. In diesem Moment wird Rakka wiedergeboren.

Plötzlich wird der Himmel blau und voller Wolken. Die Musik bricht an dieser Stelle ab - genau wie sie das in Episode 13 tun wird. Rakka spürt (und hört) nun den Wind - und sie sieht, daß sie aus großer Höhe der Erde entgegen fällt. Jetzt fällt sie nicht mehr senkrecht wie zuvor, sondern in einem realen Windstrom, und sie bewegt sich auch entsprechend - sie befindet sich also wieder in einer physischen Welt. Nun bekommt sie Angst (ein Gefühl - sie lebt also wieder!) und versucht verzweifelt, ihren Fall irgendwie zu bremsen. (In Episode 8 werden wir sehen, daß ihr Traum tatsächlich noch ein wenig weiter geht.)


Der Titel der Episode:

Titel:Der Kokon
Titel:Der Traum, vom Himmel zu fallen
Titel:Old Home

Ein grünlicher Himmel voller Wolken; Vögel zwitschern; Krähen krächzen. Die Kamera blendet hinab und zeigt das Gebäude von Old Home.

Ein dunkler, verlassen wirkender Gang eines alten Hauses, ohne Deckenbeleuchtung. Zunächst sieht man ein schwaches Licht aufleuchten, welches sich als Halo einer jungen Frau mit Flügeln auf dem Rücken und Zigarette im Mund herausstellt, die in beiden Händen eine große Kiste trägt. Vom Inhalt dieser Kiste sehen wir Mal-Utensilien und Papier-Rollen - ganz rechts kann man sogar Rekis Tagebuch erkennen. Die junge Frau ist also gerade dabei, in ihr neues Zimmer umzuziehen. (Reki "erscheint aus dem Dunkel und trägt eine schwere Last...")

Reki geht an einem Zimmer vorbei, das neben einer großen, verschlossenen Holztür auch ein kleines, vergittertes Innenfenster besitzt. Aus dem Augenwinkel hat sie durch dieses Fensterchen hindurch offenbar einen Lichtschein gesehen.

Reki:Hm?

Sie bleibt stehen und öffnet die Türe, ohne die große Kiste vorher abzustellen.

Reki:Geh schon auf...

Im Inneren des Raums befindet sich ein riesiger, leuchtender Kokon, der während seines Wachstums wahrscheinlich den links vorne liegenden Tisch umgeworfen haben dürfte. Reki fällt vor Überraschung die Zigarette aus dem Mund - und auf den Holzboden am Eingang des Zimmers.

Reki:Oh mein Gott...

Eine Fülle von Gedanken schießt Reki durch den Kopf. Eine neue Haibane in Old Home - das heißt, daß Reki gemäß der Regelung durch Kuramori die Verantwortung für die Neue zu übernehmen hat. Ein so großer Kokon bedeutet, daß sie bald ausschlüpfen wird... Himmel, wenn das schief gegangen wäre! Reki weiß, was in diesem Falle hätte passieren können - sie selbst hat es ja erlebt und wünscht es niemandem sonst. Und vor allem: Zum ersten Mal hat Reki selbst einen Kokon entdeckt. Sie ist glücklich... Gott selbst muß ihr diesen Kokon geschickt haben. (Genau so wird sie es später in ihr Tagebuch schreiben.) Und dann begreift sie plötzlich: Trotz all dieser Jahre mit ihren tsumitsuki-Flügeln hat Gott sie nicht vergessen! Diese neue Haibane - sie muß es sein, die Reki retten wird! Dieses Ereignis wird ihr Leben verändern.

Reki stolpert rückwärts aus dem Zimmer und läßt dabei ihre Kiste zu Boden fallen. Dann rennt sie davon... doch auf der Treppe kommt sie wieder zur Besinnnung, macht sie kehrt, kommt zurück und tritt ihre Zigarette auf dem Holzboden aus, damit das Zimmer nicht inzwischen in Flammen aufgeht.

Reki:Einfach unglaublich!

Die Kamera schwenkt über den Innenhof von Old Home; die Turmuhr zeigt 08:16 Uhr.

Am Eingang des Gebäudes befindet sich ein Brett mit Halterungen für kleine schwarze Holzschilder...

Name_in:Reki
Name_out:Kana
Name_in:Nemu
Name_out:Hikari
Name_in:Kuu

... und ein Schwarzes Brett voller Zettel, darunter der folgende:

Schild_gruen:Kleine Haibane
Schild_gruen:müssen
Schild_rot:draußen bleiben!!
Schild_gruen:Reki

Nur die Schilder für Kana und Hikari tragen deren Namen in roter Schrift. Diese beiden sehen wir gerade auf einem Fahrrad in höchster Eile den Weg entlang kommen. Kana klingelt vorsichtshalber - bei dieser Geschwindigkeit könnte sie womöglich nicht rechtzeitig bremsen, falls irgendwelche Kinder ihr über den Weg laufen würden. Kana keucht, als es den Berg hinauf geht; Hikari feuert ihre Fahrerin an:

Hikari:Gleich haben wir's geschafft...

Am Schwarzen Brett springt Hikari vom Fahrrad ab,...

Hikari:So, da wären wir.

... um die Namensschildchen umzudrehen, und sieht:

Hikari:Oh, die anderen sind schon da.

Denn deren Namensschilder sind auf die weiße Seite gedreht.

Kana parkt das Fahrrad neben Rekis Motorroller:

Kana:Die Stadt ist ganz schön weit weg.
Kana:Und Rekis Motorroller hat nur einen Sitz.

Aus dieser Zeile (und einer späteren Äußerung von Kana) müssen wir uns die gesamten Ereignisse zusammenreimen, die zwischen Rekis Entdeckung des Kokons und jetzt geschehen sind.

Reki befindet sich in diesem Moment wahrscheinlich als einzige ältere Haibane in Old Home (möglicherweise zusammen mit Kuu). Sie muß also mit dem Motorroller in die Stadt fahren und alle Mitbewohnerinnen "zusammentrommeln".

Als erste informiert sie Nemu, welche von Sumika vermutlich ohne Probleme Urlaub erhält - Sumika erwartet selbst ein Baby und kann Nemus Aufregung nur zu gut verstehen. Nemu fährt mit einem der beiden Fahrräder von Old Home zurück nach Hause - vielleicht nimmt sie dabei Kuu mit, welche sie unterwegs getroffen haben könnte (auf den Wiesen bei den Windrädern?). Vielleicht war an diesem Tag sogar Märchenstunde in der Bibliothek, welche sich eine Kuu sicherlich nicht entgehen lassen würde. Nemu muß aber mit dem Fahrrad den Berg hinauf fahren, was eine ganze Weile dauern wird - und wenn Kuu dabei ist, noch viel länger. Vielleicht ist Kuu aber auch einfach in Old Home und muß nicht abgeholt werden.

Als nächste ist möglicherweise Kana an der Reihe. Kana ist aufgeregt und möchte am liebsten sofort mit Reki auf dem Motorroller zurück fahren. Aber dabei ergeben sich mehrere Hindernisse. Hikari müßte dann auf dem zweiten Fahrrad zurück fahren - und wer weiß, wo dieses zu diesem Zeitpunkt steht? Wahrscheinlich doch wieder hinter dem Haus des Uhrmachers, wie sonst auch. Kana müßte also das Fahrrad zu Hikari bringen, Reki müßte mitkommen und danach Kana auf dem Rücksitz des Motorrollers transportieren (das Intro zeigt Reki und Hikari gemeinsam auf dem Motorroller, und Reki wird später auch Rakka so transportieren - technisch möglich wäre das also). Zudem erwähnt Kana einen Tag später, wie schwierig es war, von der Arbeit weg zu kommen. Oyakata erwartet viel von Kana und läßt sie vielleicht nur ungern mitten aus einer größeren Reparatur weg. Kana muß erst mal mit ihrem Boß verhandeln, in Anwesenheit von Reki.

Dabei wird Reki auf einmal klar, daß sie Kana gar nicht mitnehmen darf. Denn was sie auf jeden Fall noch braucht, das ist ein bißchen Zeit alleine mit der Neuen, um durch die Kokonwand mit ihr zu sprechen! Auch muß irgendwann die Szene stattgefunden haben, in der Reki den Kokon für ihr Tagebuch zeichnet - und das sollte passiert sein, bevor dieser aufplatzt. Sie muß also eine Ausrede erfinden, und die lautet: "Kana, der Motorroller hat nur einen Sitz. Es ist zu gefährlich, dich darauf mitzunehmen. Du fährst auf dem Fahrrad zusammen mit Hikari, und ich fahre schon mal mit dem Motorroller nach Hause (damit wenigstens jemand dort ist, falls der Kokon inzwischen aufplatzen sollte)." Gerade letzteres kennt Reki aus eigener Erfahrung nur zu gut - und vielleicht hat Nemu auch Kana erzählt, daß damals Rekis Kokon erst gefunden wurde, als Rekis Flügel bereits gewachsen waren.

Reki fährt also nach Old Home und sperrt das Gebiet um das Kokon-Zimmer ab - in einer Art und Weise, die Kana nicht sehr praktisch vorkommt, die das Publikum aber dazu bringt, darüber nachzudenken, wieso Reki das eigentlich tut: Sie will den "Zugang" zu der Neuen "unter Kontrolle" haben. Reki hat an diesem Tag ihre letzte Hoffnung auf diesen Kokon gesetzt: Diese neue Haibane muß ihr die Erlösung bringen.

Kana kommt zu Hikari ans Schwarze Brett und liest Rekis Zettel:

Schild_gruen:Kleine Haibane
Schild_gruen:müssen
Schild_rot:draußen bleiben!!
Schild_gruen:Reki
Kana:Bewirkt das nicht gerade das Gegenteil?

Gut geraten, Kana - du selbst würdest dich von einem solchen Schild nicht abschrecken lassen, die Kleinen werden das also auch nicht tun.


In der Tat ist vor dem Kokon-Zimmer der Teufel los (trotz Absperrung mit Verkehrskegeln) - die Kleinen sind natürlich neugierig auf das große Ereignis.

Schild_schwarz:Kokon-
Schild_schwarz:Schlüpfzone!!
Schild_schwarz:Zutritt verboten!!

Reki versucht, das Problem durch Überzeugungsarbeit zu lösen:

Reki:Hey, das Schild sagt doch, daß ihr wegbleiben sollt!
Reki:Was habt ihr hier zu suchen?
Hana:Wir wollen's sehen!
Reki:Ich sage doch, nein!
Hana:Jetzt sei doch nicht so.
Hana:Wir wollen's sehen!
Shota:Wir wollen's sehen!
Dai:Wir wollen's sehen!

Kana gewinnt nicht den Eindruck, daß Reki sich durchsetzen kann...

Kana:Dachte ich mir's doch...

... und schlägt eine handfestere Methode vor:

Kana:Hey!
Kana:Wenn ihr nicht sofort verschwindet, dann gibt's was auf die Löffel!
Trotz ihres "atashi" - Kana verwendet "männliche Sprache" (das "zo" am Ende).

Und die funktioniert - auch wenn sie Kanas Image nicht gerade verbessert haben dürfte (wie wir in Episode 13 am Kana-Schneemann, den die Kleinen gebaut haben und den Reki in ihrem Tagebuch verewigt hat, erkennen werden).

Kana:Mensch, Reki... du läßt den Kleinen einfach zuviel durchgehen.

Reki begrüßt die Angekommenen:

Reki:Und? Habt ihr beiden nun Urlaub bekommen?

Das war offenbar noch nicht klar, als Reki sie über den neuen Kokon informiert hatte. Hikari ist Feuer und Flamme:

Hikari:Natürlich! Das ist ein großes Ereignis für uns Haibane.
Hikari:So etwas darf ich doch auf keinen Fall verpassen!

Kana dagegen ist nicht ganz so euphorisch:

Kana:Ich kann mir auch frei nehmen,...
Kana:... aber ab morgen für höchstens drei Tage.

Soweit das Organisatorische - jetzt aber zur Hauptsache:

Kana:Also, wo ist denn nun der Star des Abends?

Dieser befindet sich in einem Zimmer, in dem zwei weitere Haibane bereits warten:

Kuu:Wow!
Kuu:Ist das riesig!

Kuu flattert vor Begeisterung mit ihren Flügeln - eine solche Szene sehen wir nicht oft.

Kana:Das ist wirklich großartig.

Nemu und Kana nutzen die Gelegenheit zu einer kleinen Stichelei:

Nemu:Da seid ihr ja endlich.
Kana:Wenn ihr auch nicht rechtzeitig Bescheid sagt...
Kana:Es war ganz schön schwierig, so früh von der Arbeit wegzukommen.

Hikari dagegen hat nur Augen für den Kokon:

Hikari:Und dabei war er am Anfang nicht größer als ein Flaum einer Pusteblume.

In dieser Form und Größe schwebt der Same durch ein Fenster, um sich anschließend im Boden festzusetzen.

Hikari:Ich hätte so gerne gesehen, wie er wächst.

Vielleicht war es Hikaris eigener Kokon, den Nemu so früh entdeckt haben könnte, daß dieses Wachstum beobachtet werden konnte; vielleicht ist dies aber auch nur Wissen aus den Büchern der Bibliothek.

Hikari:Ich wußte, daß wir die Räume hätten öfter kontrollieren sollen.

Mit ihren Vorschlägen, wie die Dinge in Old Home zu laufen haben, hat Hikari bisher keinen großen Erfolg. In dieser Episode werden wir noch ein zweites Beispiel dafür zu sehen bekommen.

Hikari:Wenn Reki ihr nicht zufällig gefunden hätte,...
Hikari:...wäre es geschlüpft, ohne daß wir etwas davon gewußt hätten.

Und von Rekis Ausschlüpfen wissen wir, welche Folgen so etwas haben kann.

Kana findet, daß Hikaris Vorschlag zu sehr nach Arbeit riecht:

Kana:Aber wir fünf können doch nicht ständig dieses riesige Gebäude überwachen!
Kana:Und so groß, wie dieser Kokon ist, können wir ihn auf die Dauer unmöglich übersehen.

Kanas typische "faule Ausrede": Bei Reki damals hat es auch nicht funktioniert, und auch Kanas bzw. Kuus Kokon wurden nicht früh genug entdeckt, daß Hikari deren Wachstum hätte beobachten können.

Hikari:Stimmt auch wieder.

Nemu wendet sich wieder dem eigentlichen Ereignis zu:

Nemu:Die Oberfläche wird langsam grau.
Nemu:Wahrscheinlich wird es bald ausschlüpfen.

Nemu scheint Erfahrung mit dem Endstadium eines Kokons zu haben. Wahrscheinlich war sie es, die den Kokon von Hikari entdeckt hat (Reki war es bestimmt nicht, und weitere "ältere" Haibane lebten damals nicht in Old Home), und möglicherweise auch den von Kana und Kuu.

Reki:Wir sollten den Raum ein wenig sauber machen.
Reki:In einem staubigen Lagerraum geboren zu werden, das wäre doch erbärmlich.

Wer wüßte das besser als Reki, der genau dies zugestoßen ist - und die anschließend in diesem Lagerraum auch noch ihre Flügel bekam, bevor Nemu sie zufällig entdeckte.

Die kleine Kuu ist die ganze Zeit neugierig um den Kokon herumgelaufen und fragt nun:

Kuu:Und da ist wirklich jemand drin?
Reki:Ja.
Reki:Bei dir, Kuu, und bei mir war es genauso. Alle Haibane werden so geboren.

Niemand hat in diesem Trubel auf die Kleinen geachtet - und die beiden Lausbuben Dai und Shota haben es tatsächlich gewagt, sich zum Kokon-Zimmer zu schleichen:

Shota:Wow, ein riesiges Monster-Ei!
Dai:Ein Monster!
Reki:Was?! Immer noch hier?!
Dai:Ein Monster! Ein Monster!

Reki verscheucht die Kleinen:

Reki:Für euch ist dieser Raum absolut tabu!
Reki:Diese neugierigen Rotzlöffel...
Nemu:Dabei ist sie selbst am meisten aufgeregt.

Das ist in der Tat richtig - auch wenn Nemu nicht ahnt, wieso. Und auch wir werden das erst in Episode 13 verstehen.

Hikari:Sie freut sich eben... und ich freue mich genauso.
Hikari:Wir bekommen ein neues Mitglied!

Kuu sieht dem Ereignis noch hoffnungsfroher entgegen:

Kuu:Ich bin auch glücklich!
Kuu:Hoffentlich kriege ich eine kleine Schwester.

Und tatsächlich wird Kuus Wunsch in Erfüllung gehen - wenn auch anders, als sie sich das vorgestellt haben mag. Denn:

Kana:Glaub' ich kaum. Dieser Kokon ist viel größer als deiner damals.

Gut erkannt, Kana. Tatsächlich ist Rakka mit 13-14 Jahren biologischem Alter die älteste Haibane, die seit langer Zeit (mindestens die letzten 10 Jahre - Kuramoris Alter bei deren Ankunft in Guri kennen wir nicht) in Old Home geboren wurde - alle anderen, von denen wir wissen, waren zu diesem Zeitpunkt jünger (jeweils 10-12 Jahre alt).

Kuu:Was?!
Kana:Auf geht's zum Putzen.
Kuu:Hör auf, mich zu ärgern!

Das Mädchen erwacht, im Inneren ihres Kokons schwimmend. (Der Kokon sieht von innen übrigens deutlich größer aus als von außen - Rakka hätte genügend Platz, darin herumzuschwimmen...)

Rakka:Wo...

Erneut beendet sie ihre Frage nicht. Denn sie erinnert sich an etwas:

Rakka:Der Traum?

Sie atmet aus - dabei wird ihr bewußt, daß sie sich in einer Flüssigkeit befindet. Instinktiv versucht sie, nach oben zu steigen, doch:

Rakka:Ich kann atmen...

So etwas hat sie noch in keiner Flüssigkeit erlebt.

Rakka:Anscheinend träume ich immer noch.

Mit ihrer Hand hat Rakka versehentlich das weiche Material des Kokon-Inneren von dessen Hülle abgekratzt. Nun untersucht sie diese Stelle genauer und erkennt:

Rakka:Ich höre Stimmen.

Draußen nämlich ist Kana mal wieder nicht sonderlich arbeitswütig:

Kana:Ich finde, das reicht jetzt.
Kana:Es ist sauber genug.

Rakka klopft vorsichtig gegen das harte Material.

Rakka:Da draußen ist jemand.

Und Rakkas Entschluß steht fest: Sie muß herausfinden, wer das ist.


Draußen ist derweil die Putz-Aktion zu einem erfolgreichen Abschluß gekommen:

Kuu:So, jetzt ist alles sauber.
Kana:Ich bin sooo müde.

Tja, Kana - vorhin hast du Kuu noch zur Arbeit gescheucht, und jetzt zeigt die Kleine mehr Einsatz als du selbst...

Auch Reki ist zufrieden und kümmert sich bereits um die nächste Aufgabe:

Reki:Das wäre erledigt.
Reki:Und jetzt verlosen wir die Reihenfolge der Wachen.

Womit sie erneut auf unterschiedliche Begeisterung bei ihren Mitbewohnern stößt:

Kuu:Hurraaa!!

Kuu findet die Aussicht, eine verantwortungsvolle Tätigkeit übernehmen zu dürfen (und damit ernst genommen zu werden), natürlich reizvoll. Kana hingegen läßt keine Möglichkeit aus, sich vor einer Arbeit zu drücken:

Kana:Muß das wirklich sein?
Kana:Wieso brechen wir das Ding nicht einfach auf, mit einem Hammer oder so?

Mit Werkzeug kennt Kana sich aus... aber ihr Vorschlag ist nicht mehrheitsfähig:

Hikari:Was redest du denn da?!

Hikari ist entsetzt. Dabei hätte dieser spontane Vorschlag, über den Kana offensichtlich vorher nicht sonderlich nachgedacht hat, prinzipiell durchaus auch von ihr selbst stammen können...

Reki:Das dürfen wir nicht tun. Es ist eine Tradition.

Und Reki hält sich an Traditionen, wie wir in Episode 13 sehen können: Reki wird sich nie ändern.

Reki:Wer die Schale nicht selbst aufbrechen kann, der wird nicht stark werden.

Leider haben wir keinen Beweis dafür, daß dies mehr ist als eine Überlieferung. Wir wissen nicht, wie Kuramori nach Guri kam - die wäre eine Kandidatin dafür gewesen, mit ihrer anfälligen Gesundheit.

Kana:Sind wir etwa Küken oder was?

Das Wort hiyoko (Küken) werden wir in Episode 7 noch einmal zu hören bekommen - in einem ganz anderen Zusammenhang.

Nemu läßt erneut eine kleine Stichelei gegen Kana vom Stapel:

Nemu:Wenn du dabei schläfst, dann geht deine Wache schnell herum.

Aber Reki sieht die Sache sehr viel ernster - denn auf diesem Kokon ruhen all ihre Hoffnungen:

Reki:Das wäre doch keine Wache!!

Nur die kleine Kuu, die sich von diesem Kokon anscheinend gar nicht trennen kann, hat das Geräusch gehört:

Kuu:Gerade hat es "Blub" gemacht.
Kuu:Hört ihr?

Die Haibane sehen einander an, und dann den Kokon. In diesem entsteht ein Riß - Rakka bricht die Schale von innen auf (und erspart Kana dadurch eine langweilige Wache), und dann ergießt sich eine Flut über den Raum, daß die schwere Holztür diese kaum zu bändigen vermag... ein Glück, daß die Kleinen in diesem Moment nicht in der Nähe sind. In dieser Hinsicht hatte Rekis Absperrung also durchaus ihren Sinn.


Das Mädchen erwacht, auf dem Bauch in einem großen Bett liegend.

Rakka:Ich bin in den Wolken?
Rakka:Das muß immer noch dieser seltsame Traum sein.

Ihre Nase im Kopfkissen und ihre Hand auf der Decke ertasten allerdings einen Unterschied:

Rakka:Hm?

Sie setzt sich auf und blickt sich um: Ein fremdes Zimmer. Licht scheint herein, Vogelstimmen sind zu hören.

Rakka:Wo bin ich?

Ein großes, aufgeräumtes Zimmer, ein großer Tisch... dann tastet sie nach dem Kittel, den sie trägt:

Rakka:Der fühlt sich hart an.
Rakka:Im Traum war er ganz weich.

Im Traum befand sich das Mädchen auch in der Flüssigkeit des Kokons, durch welche der Kittel ihr wahrscheinlich weicher erscheinen mußte.

Rakka:Er riecht nach Nüssen.

In Episode 12 werden wir verstehen, was dieses Mädchen selbst für eine "Nuß" ist. Und da sie mit diesem Kittel geboren wurde, scheint er ein Teil von ihr zu sein und deshalb eben auch nach Nüssen zu riechen.

Die Bemerkung ist übrigens erstaunlich: Rakka schläft gerade im Bett von Reki, die bekanntermaßen Kettenraucherin ist. Das müssen wirklich beeindruckend geruchsfreie Zigaretten sein...

Plötzlich spürt sie etwas auf ihrem Rücken und zuckt vor Schmerz zusammen:

Rakka:Au!

Da wir die Haibane bereits gesehen haben, ahnen wir an dieser Stelle bereits, woher dieser Rückenschmerz vermutlich stammen dürfte...

Und dann hört sie, wie sich die Türe öffnet. Fünf Mädchen betreten den Raum. Reki trägt einen Einkaufskorb; Kuu trägt eine Kiste, die sehr nach dem später benötigten Erste-Hilfe-Koffer aussieht (der sonst also außerhalb des Gästezimmers aufbewahrt wird - vielleicht in der Nähe der Kinder?)

Reki macht der Neuen sofort klar, daß sie nichts zu befürchten hat und sich bei Freunden befindet:

Reki:Ah, du bist wach.
Reki:Entschuldige, wir waren einkaufen.

Auch Kuu liefert dem Neuankömmling verwertbare Informationen:

Kuu:Du hast den ganzen Tag geschlafen.
Kuu:Erstaunlich!

Es dürfte eine Weile dauern, bis ein Haibane-Organismus sich von Wasser-Atmung auf Luft-Atmung umgewöhnt hat. Aber vielleicht hat Rakka tatsächlich länger geschlafen als andere Haibane in dieser Phase - sie ist ja auch biologisch älter und womöglich in einem größeren Kokon aufgewachsen.

Hikari hat sich schon wieder nicht mit einem ihrer Vorschläge durchsetzen können:

Hikari:Seht ihr? Deshalb wollte ich zu Hause bleiben.

Was nicht zuletzt daran liegt, daß sie vor solchen Vorschlägen nicht immer gründlich nachdenkt:

Kana:Aber Hikari, du bist doch für den Ring zuständig.
In der Serie werden zwei verschiedene Worte verwendet: kourin (= Halo; das verwendet beispielsweise Washi) und wakka (= Ring; das scheint sich nur auf die Form zu beziehen und wird meistens von den Haibane verwendet).

Und deshalb mußte sie heute früh zur Renmei, um die Gußform und das kouhaku zur Herstellung dieses Halo abzuholen. Und auch eine noch so engagierte Hikari kann kaum an zwei Orten gleichzeitig sein.

Kleiner Exkurs zum Thema "Halo": Wir gehen davon aus, daß derzeit die Haibane Renmei selbst das kouhaku von den Plaketten im Inneren der Mauer aufsammelt (noch arbeitet Rakka ja nicht dort). Hikari meldete sich diesmal freiwillig (sie kannte die Prozedur als solche von früher, als Kana bzw. Kuu ihre Halos erhielten); sie muß also am Morgen nach Rakkas Kokon-Schlüpfen (wahrscheinlich vor Beginn ihrer Arbeit) den Tempel der Haibane Renmei besucht und dort zumindest die Gußform abgeholt haben, entweder mit einem von der Renmei bereits fertig hergestellten Halo darin oder mit kouhaku zum Selbermachen (möglicherweise in einem Ofen der Bäckerei). Die Renmei könnte diesen Halo durchaus bereits fertig haben, da sie (über Rakkas Plakette im Inneren der Mauer!) von der Ankunft einer Neugeborenen bereits wissen muß (sie stellt ja kurz darauf bereits Rakkas Plakette her). Anschließend ging Hikari zur Arbeit - und experimentierte dort mit der Gußform als Teigbehälter. Hätte sie bereits einen fertigen (und heißen) Halo von der Renmei mitgebracht, dann müßte sie diesen irgendwo in der Bäckerei zwischenlagern; außerdem kann ich mit die "Kontaminationswirkung" auf Rakkas Halo eher dadurch erklären, daß tatsächlich Teig in den Schmelzprozeß des Halo geraten ist (und nicht nur der bereits fertige Halo in einer teigverklebten Gußform transportiert wurde). Der Halo ist zwar angeblich heiß, aber er wird gleich keine entsprechenden Spuren hinterlassen, obwohl er dazu reichlich Gelegenheit bekäme...


Das neue Mädchen möchte sich auch zu Wort melden...

Rakka:Ähm, also...

... doch bevor sie etwas sagen kann, prasseln schon die Fragen auf sie herein, wobei jede der Haibane ihren eigenen Schwerpunkt setzt:

Hikari:Wie fühlst du dich? Magst du etwas essen?

Echt Hikari, die in der Lebensmittelproduktion arbeitet.

Kuu:Sollen wir etwas für dich einkaufen?

Kuus Hilfe-Angebot ist immerhin konstruktiv und nimmt Rücksicht auf die tatsächlichen Wünsche der Neuen, die an ihrem ersten Tag in Guri das Bett noch nicht verlassen wird. Aber Rakka hat im Moment keine materiellen Bedürfnisse.

Nemu:Wir haben uns gefragt, wann du wohl aufwachst...

Und Nemu hat natürlich den beneidenswert langen Schlaf des Mädchens bemerkt.

Nur Reki behält einen klaren Kopf und übernimmt nun das Kommando:

Reki:Hey, Leute! Nicht alle auf einmal!
Reki:Ihr verwirrt sie doch bloß.
Kuu:Okay.

Tatsächlich kehrt Ruhe ein - Rekis Autorität ist spürbar.

Reki:Entschuldige den Aufruhr.
Reki:Ich heiße Reki.
Reki:Das hier ist mein Zimmer, aber es dient auch als Gästezimmer, also fühl dich wie zu Hause.

Rekis Erklärung verläuft nicht ganz ohne Störung - Nemu hat einen Einwand:

Nemu:Was das nicht früher mal ein Gästezimmer, bevor du es mit Beschlag belegt hast?
Reki:Ich bin doch schon dabei, umzuziehen.

Zurück zum Thema:

Reki:Ähm... am besten erzähle ich dir alles von Anfang an.
Reki:Darf ich dabei rauchen?

Rekis Zigaretten dienen in zahlreichen Situationen dieser Serie dazu, kleine, aber wichtige Aspekte zu betonen. Diese Szene hier beispielsweise wäre ohne Zigarettenasche völlig anders verlaufen...

Rakka:Äh, ja.

Reki zündet sich eine Zigarette an und macht einen tiefen Zug - alles wartet schweigend, bis sie fortfährt:

Reki:Also... dann erzähl uns erst einmal von deinem Traum.
Rakka:Mein Traum?
Reki:Du hast doch geträumt, oder?
Reki:Als du in deinem Kokon geschlafen hast.

Für Reki steht das zunächst ganz außer Frage. Doch Rakka zögert:

Rakka:Äh...

Aber Reki, die selbst unter Albträumen leidet, kommt auf die richtige Idee:

Reki:Oh, entschuldige.
Reki:War es ein schlimmer Traum?
Rakka:Nein, schon okay.
Rakka:Hm... in meinem Traum bin ich aus sehr großer Höhe senkrecht nach unten gefallen, ohne jedes Geräusch...
"tokoro" ist der "Ort", "takai" bedeutet üblicherweise "hoch". Es gibt aber ein gleich klingendes Wort mit der Bedeutung "Tod"! Rakka ist also (auch) vom "Ort ihres Todes" herabgefallen...
Kuu:Wow, genau wie ich!

Ich denke, da ist der Wunsch Vater des Gedankens. Kuu hat sich so sehr eine kleine Schwester gewünscht, daß sie sich an die Ähnlichkeit der beiden Träume klammert.

Hikari erkennt sofort das praktische Problem, das zu entstehen droht:

Hikari:Was machen wir denn da? Zwei gleiche?

Das würde manch ein Mißverständnis mit sich bringen, wenn man nicht weiß, welche von zwei gleichnamigen Personen gemeint ist.

Zunächst aber erklären einige der Haibane die Herkunft ihrer eigenen Namen:

Kuu:In meinem Traum bin ich durch den Himmel geschwebt.
Kuu:Deshalb habe ich den Namen "Kuu" bekommen.
Hikari:Haibane werden nach dem Traum benannt, den sie in ihrem Kokon hatten.
Hikari:In meinem Traum war ich von reinem, weißem Licht umgeben.
Hikari:Deshalb heiße ich "Hikari".
Kana:Ich habe geträumt, ich schwimme in einem Fluß wie ein Fisch.
Kana:Und wenn du die beiden Zeichen für "Fluß" und "Fisch" nebeneinander schreibst, bekommst du meinen Namen, "Kana".
"kawa" ist das Kanji für "Fluß", "sakana" das Kanji für "Fisch"; die Kombination dieser beiden Zeichen wird aber "Kana" ausgesprochen.

Und Kana findet eine günstige Gelegenheit für einen kleinen Seitenhieb auf Nemu:

Kana:Und die da hat sogar in ihrem Traum geschlafen.
Kana:Darf ich vorstellen: Unsere unerschütterliche Schlafmütze - Nemu.
Nemu:Ich geb' dir gleich...!

Ausgerechnet Reki sagt nicht, woher ihr Name stammt. Das ist ein Thema, worüber sie nicht gerne redet. Bereits in Episode 2 werden wir noch einmal darauf zurück kommen.

Reki:Hast du sonst noch etwas gesehen?
Rakka:Ich glaube, ich habe etwas gesehen, aber ich kann mich nicht mehr erinnern...

Rakka versucht, sich zu erinnern - aber was von diesem Traum verloren gegangen ist, das ist eben nicht so leicht wiederzuerlangen.

Eigentlich müßten bei Reki jetzt die Alarmglocken angehen. Denn sie selbst ist die einzige ihr bekannte Haibane außer Rakka, die sich nicht an ihren Traum erinnern kann - und die sich seit sieben langen Jahren quält, ihre verlorene Erinnerung zurückzuholen. Aber Reki hält sich für einen Einzelfall - bisher jedenfalls.

Reki lehnt sich in ihrem Stuhl zurück - und sieht, wie die Asche ihrer Zigarette zu Boden fällt. Worte, die mit "fallen" zu tun haben, kommen ihr in den Sinn:

Reki:"Fallen"...
Reki:"Der Sturz"...
Reki:Dann werden wir das Wort rakka verwenden, wie in "herunterfallen".
Reki:Dein Name ist also...
Reki:... "Rakka".

So, wie es auch sein muß. Mit ochiru ("fallen") wäre die Geschichte anders verlaufen (dazu läßt sich kein Homophon bilden, das "Nuß" bedeutet)... aber womöglich haben die Mächte von Guri irgendwie dafür gesorgt, daß Reki unterbewußt das "richtige" dieser beiden Worte auswählen wird.

Rakka:Mein Name...
Rakka:Was? Mein Name... ?

Rakka merkt plötzlich, daß sie sich nicht an ihren Namen erinnern kann - wie auch an viele andere Dinge.

Reki:Niemand weiß, wer oder was du einmal gewesen bist.
Reki:Du selbst natürlich auch nicht.

Während Rakka noch den Schreck über diese Erkenntnis zu verarbeiten versucht, weist Reki den nächsten Schritt des Empfangskomitees an:

Reki:Hikari?

Und Hikari, die selbsternannte Zeremonienmeisterin von Old Home, waltet ihres Amtes:

Hikari:Kameradin Rakka...

Hikari sieht in Rakka zunächst einmal ein neues Mitglied ihrer Gruppe und begrüßt sie entsprechend.

Hikari:...um dich auf deinem weiterem Weg als Haibane zu leiten,...
Hikari:...verleihe ich dir diesen Ring.
Auch Hikari sagt "wakka" (Ring), nicht "kourin" (Halo).

Der Halo repräsentiert den Segen der Stadt, welcher einer Haibane zuteil wird. Solange der Halo hell leuchtet, hat sie Zeit, sich auf das Verlassen des Nests vorzubereiten; überschreitet sie diese Zeit, dann wird ihr dieser Segen entzogen, und sie wird in Guri altern und sterben.

Der Halo geht eine "Verbindung" mit der Haibane ein - in Episode 4 können wir sehen, wie "belastbar" diese Verbindung ist. ;-) Wahrscheinlich "hält" der Halo einen Haibane im Inneren der Stadt (um zu verhindern, daß er "vor der Zeit" versucht, die "nächste Ebene" zu betreten); hat ein Haibane genügend Energie gesammelt und ist bereit zum "Verlassen des Nests", dann entlädt sich diese Energie in dem Moment, in dem der Lichtstrahl in den Himmel sichtbar ist, und bringt den Halo zum "Durchbrennen". Er bleibt dann als lebloser Metallring zurück, wie wir in Episode 7 sehen.

Der Halo wird aus kouhaku hergestellt, welches im Inneren der Mauer gewonnen wird (Rakka wird später dort arbeiten). Die Mauer rund um die Stadt sammelt die Gefühle der Bewohner von Guri auf - vermutlich manifestiert sich auf diese Weise der "Segen" der Stadt im kouhaku und später im Halo. Und in gewisser Weise ist die gesamte Mauer ein riesiger Halo für die ganze Stadt...

Rakka:Haibane?

Der Halo schwebt über Rakkas Kopf, aber er schwankt bedenklich. Rakka möchte danach greifen, aber:

Hikari:Ähm, sei vorsichtig. Er ist noch heiß.

Rakka spürt, daß das nicht gut gehen wird - und tatsächlich fällt der Halo nach einer Weile zu Boden (ohne dort allerdings irgendwas zu verbrennen).

Rakka:Oh, nein!

Allgemeines Aufstöhnen. Hikari sieht besonders entsetzt aus - mit gutem Grund... und Reki faßt sich an den Kopf: Das geht ja gut los mit der Neuen! Erst erinnert sie sich nicht an ihren Traum, und dann funktioniert auch noch der Halo nicht richtig...


Ein Halo mit einer Befestigung aus Draht, die mit einem Stirnband am Kopf einer Haibane befestigt ist, kann zumindest nicht herunter fallen, ist jedoch ein Quell allgemeiner Heiterkeit.

Hikari (mit roten Wangen) ahnt, daß sie schuld an diesem Malheur ist, und versucht, die Szene zu überspielen:

Hikari:Sieht doch gut aus...

Nein, das tut es nicht. Rakka sieht ganz schön albern aus mit diesem Gestell auf ihrem Kopf. Kein guter Start für sie als Haibane - und kein guter Start für Hikari in Sachen Rakka. Das wird nicht ihre letzte Panne im Umgang mit der Neuen bleiben...

Reki tut das, was sie in einer solchen Situation immer tut - erst mal beruhigend wirken:

Reki:Keine Sorge, in zwei oder drei Tagen hält er von alleine.

Tatsächlich wird Rakka ihren Halo-Halter bereits in etwa 30 Stunden nicht mehr benötigen, nämlich gegen Ende von Episode 2.

Kuu:Oh, die Mittagspause ist um.
Kana:Oh, Mann... das ist aber ärgerlich.
Kana:Ich muß zurück zur Arbeit.

Denn gerade bei Kana nimmt Oyakata auch kleinste Unpünktlichkeiten ziemlich genau. In Episode 4 werden wir einen solchen Fall erleben, und in Episode 11 wird Kana dies als Argument anführen, Nemu nicht in der Bibliothek als krank zu melden.

Hikari:Heute reicht es nur, um uns vorzustellen.

Also für den Einstandsbesuch bei der Neuen - deshalb sind die Bewohner von Old Home auch vollzählig angetreten. Für ein richtiges "Kennenlernen" reicht es noch nicht - dafür wäre viel mehr Zeit notwendig.

Hikari:Wir kommen morgen wieder, wenn deine Flügel gewachsen sind.

Richtig, die Flügel - Rakka fragt sich die ganze Zeit, ob die echt sind. Sie wird also selbst auch welche erhalten! Aber das ging jetzt zu schnell für das Mädchen, um dies schon hier zu begreifen.

Hikari:Dann können wir uns weiter unterhalten.
Nemu:Reki, du kümmerst dich um den Rest, ja?
Kuu:Rakka, bis dann!
Kana:Wir sehen uns!
Hikari:Bis morgen!

Rakka winkt ihren neuen Freundinnen nach - die haben also tatsächlich ihre Mittagspause geopfert, nur um sie begrüßen zu können!

Der Raum leert sich - nur Reki und Rakka bleiben zurück.

Reki:Endlich Ruhe...
Reki:Man kann sich ja gar nicht vernünftig unterhalten, wenn so viele Leute da sind.
Reki:Also, was möchtest du zuerst wissen?
Rakka:Also, äh...
Rakka:Wo bin ich hier?
Rakka:Und was sind "Haibane"...?

Reki lächelt - dann bewegt sie die Schwingen auf ihrem Rücken, um die Bedeutung von "Grauflügel" zu demonstrieren. Rakka atmet vor Überraschung heftig durch:

Rakka:Die sind also echt?
Reki:Deine werden auch bald wachsen.

Und Reki wendet sich wieder dem Wichtigsten zu - der Sorge um die Neue, deren Ankunft in Old Home so reibungslos wie möglich funktionieren sollte.

Reki:Tut dir dein Rücken weh?
Rakka:Ein bißchen.
Rakka:Ich dachte, ich hätte falsch gelegen...
Reki:Laß mich mal sehen.

Reki tastet vorsichtig die roten Schwellungen ab - kein Wunder, daß Rakka das schon spüren kann. Etwas Kühlung kann diesem Rücken nur gut tun:

Reki:Ich hole etwas Eis.
Rakka:Hä?

Rakka versteht nicht, wozu das gut sein soll. Und Reki beantwortet in einem solchen Fall üblicherweise (etwa gegenüber Hikari) keine Detailfragen:

Reki:Nicht bewegen.
Reki:Ich bereite nur schon mal alles vor.

Reki geht kurz aus dem Zimmer und kehrt bald darauf mit den Eiswürfeln zurück. Während sie dieses in ein Tuch füllt und damit Rakkas Rücken kühlt, atmet das Mädchen schwer.

Reki:Entschuldige.
Reki:Deine Flügel wachsen schneller, als ich es erwartet habe.
Reki:Ich dachte eigentlich, ich könnte dir noch ein paar Dinge erklären, bevor das Fieber kommt...

Aber bei Rakkas Ankunft ist alles irgendwie ein bißchen anders: Ihr Kokon ist größer, sie ist älter als die anderen zum Zeitpunkt von deren Geburt (Rakka ist 13 oder 14, die anderen waren alle 11 oder 12), sie schläft länger nach dem Ausschlüpfen, und ihre Flügel wachsen schneller. Dazu noch der vermurkste Halo und der vergessene Kokon-Traum - Reki hat allen Grund dazu, besorgt zu sein. Es läuft einfach zu vieles nicht so, wie sie es geplant hat.

Reki:Tut es weh?
Rakka:Ich spüre... ein starkes Ziehen...
Rakka:Wie ein Krampf.
Reki:Wenn die Flügelspitzen durch die Haut brechen, wird es weh tun...
Reki:... und du wirst Fieber bekommen, aber wenn du morgen aufwachst, hast du es überstanden.

Rakka möchte mit eigenen Augen sehen, was mit ihr geschieht:

Rakka:Ein Spiegel...

Aber Reki ahnt, daß der Schock, das viele Blut zu sehen, das Mädchen überfordern würde:

Reki:Besser nicht. Es würde nur noch mehr weh tun, wenn du es siehst
Rakka:Aha...

Reki bindet ihre Haare hoch - Rakka wird offene Wunden haben, wenn ihre Flügel hervorbrechen. Das Mädchen stellt derweil die nächste Frage, solange sie vor dem Ausbruch des Fiebers dazu noch in der Lage ist:

Rakka:Sind wir keine Menschen mehr?

Rekis Augen glitzern, während sie antwortet - sie kann nur zu gut nachempfinden, wie verwirrt Rakka in diesem Moment sein muß.

Reki:Niemand weiß, was wir sind.
Reki:Wir wissen nur, daß wir "Haibane" genannt werden.

Rakkas Selbstbeherrschung steht kurz vor dem Zusammenbruch:

Rakka:Ich will nach Hause!

Doch diese Wahl hat sie nicht, wie Reki sofort erklärt:

Reki:Haibane dürfen diese Stadt nicht verlassen.
Reki:Selbst wenn deine Familie irgendwo auf dieser Welt lebt,...
Reki:... würden sie dich nicht mehr erkennen, wenn sie dich sähen.
Rakka:Warum?
Reki:So wie du dich nicht mehr an deine alte Welt erinnern kannst,...
Reki:... erinnert sich niemand in dieser Welt mehr an dich.
Reki:So ist diese Welt.

Rakka kann einfach nicht fassen, was mit ihr geschieht:

Rakka:Aber warum ich?
Rakka:Ich... bin doch nicht Besonderes!
Rakka:Nur ein normales Mädchen...

Rakka, du bist sehr wohl etwas Besonderes. Du bist in deiner vorherigen Existenz gestorben, bevor Du die Chance hattest, einen eigenen Charakter auszuprägen - und du hast durch Dein Verhalten zu diesem Tod zumindest einiges beigetragen, wie Du in Deinem Traum hättest erkennen können.

Reki:Tja, warum...
Reki:Niemand erinnert sich mehr daran.

Nicht einmal Rakka, die den größten Teil ihres Traumes vergessen hat.

Reki zieht die Decke über Rakka - doch die schreit in diesem Moment auf. Und Reki begreift:

Reki:Es beginnt!

Reki rennt ins Nebenzimmer, greift nach dem Arzneikoffer auf dem Schrank, fällt dabei von der Leiter...

Rakka:Das tut weh... das tut weh...

...ein kurzer Moment, der Rakka aber unendlich lang erscheinen mag...

Rakka:Das tut so weh!

... fischt aber eine Bandage aus den verstreut herumliegenden Gegenständen und wickelt sich diese um den Daumen, während sie zurück zum Bett rennt, auf dem Rakka sich quält:

Reki:Beiß hier drauf! Dann beißt du deine Zunge nicht ab!

Durch das Wachsen von Rakkas Flügeln wird ein Bund zwischen den beiden jungen Frauen geschlossen - ein Bund aus Blut und Schmerz. Reki trägt das Merkmal dieses Bundes am Daumen ihrer rechten Hand - der Hand, mit der sie ihre Bilder malt! Es ist ganz schön gefährlich für Reki, ihre Hand so zu riskieren.

Zwei riesige, blutige Flügel brechen aus Rakkas Rücken hervor, und das Mädchen stößt einen markerschütternden Schrei aus...

Wir sehen Rakkas Flügel vor einem schwarzen Hintergrund. Die gesamte Szene erinnert an ein Initiierungsritual: Sehr persönlich und körperlich (wie eine Tätowierung oder ein Piercing), welches oft in einem heiligen oder geheimen Ort durchgeführt wird, unter der Anleitung eines Führers oder Schamanen - das ist Rekis Rolle in dieser Szene.


Rakka erwacht aus ihrem Fieberschlaf:

Rakka:Meine Glieder sind kalt und schwer.

Wenn Rakka später ein zweites Mal im Fieber von Reki gepflegt wird, dann wird sie sich leicht fühlen, nicht schwer...

Rakka:Jedesmal, wenn der Schmerz durch meine Schultern schießt, zucken meine Flügel.

Diese Bewegung ihrer Flügel zu kontrollieren, das wird Rakka noch einige Tage beschäftigen.

Rakka:Ich fühle, wie die Schwingen ein Teil von mir werden.
Rakka:Ich fühle, daß sich mein Körper verwandelt, und das macht mir Angst.

Rakkas Einstellung zu ihren Flügeln ist ein wesentlicher Teil ihrer Entwicklung in Guri.

Rakka:Der Schweiß brennt in meinen Augen...
Rakka:... und ich kann nichts erkennen.

Aber dann versucht Rakka doch, ihre Augen zu öffnen, und auch wenn alles verschwommen wirkt, sieht sie jemanden, den sie kennt:

Rakka:Reki, bist du das?
Reki:Ja.
Rakka:Was machst du da?
Reki:Ich mache deine Flügel sauber.
Rakka:Machst du das schon lange?
Reki:Das dauert seine Zeit.
Reki:Wenn man das Blut und Fett nicht völlig entfernt, dann werden sie fleckig.

Das zumindest glaubt Reki zu diesem Zeitpunkt - weil bei ihrer Geburt niemand ihre Flügel sauber gemacht hat. Was Reki selbst durchgemacht hat, will sie Rakka unbedingt ersparen.

Rakka jedoch denkt im Moment nicht an ihre Flügel, sondern zunächst einmal an den Schmerz, den sie ihrer Helferin bereitet haben muß:

Rakka:Bist du in Ordnung?

Rekis Daumen weist einen großen blauen Fleck auf. Aber Reki hat nicht vor, Rakka damit zu belasten, und spielt die Angelegenheit herunter:

Reki:Ach das? Nicht so wichtig.

So ein kleiner blauer Fleck ist für eine Haibane, die alleine aus ihrem Kokon gefallen und ihre Flügel bekommen hat, tatsächlich eine Lappalie.

Reki:Denk jetzt erst mal nur an dich selbst.

... und nicht an Rekis mögliche Schmerzen. Reki will nicht, daß irgend jemand sehen kann, ob sie leidet.

Rakka:Okay.
Rakka:Mein Kopf ist heiß.

Denn Rakka befindet sich mitten im Flügel-Fieber. Und dies wird nicht das letzte Fieber sein, bei dem Reki sie pflegen muß.

Reki:Morgen wird es dir besser gehen.
Reki:Du kannst dir nicht vorstellen, wie toll du dich morgen fühlen wirst.

Reki hat viele Jahre Übung im Umgang mit kranken Kindern. Rakka ist sichtlich erleichtert... sie befindet sich zumindest in guten Händen.

Rakka:Aha...
Reki:Deine Flügel sind schön.

(Die Symbolik der Haibane - mit Kokon und Flügel - erinnert an die Verwandlung einer Larve in einen Schmetterling.)

Reki:Weder weiß noch schwarz, sondern von einem wunderbaren Aschgrau.

Die Flügel geben den aktuellen Seelenzustand der Haibane wieder. Grau ist ein ausgewogener Mittelwert zwischen Weiß und Schwarz und steht für einen ausgeglichenen Charakter. Beide Haibane, bei denen wir schwarze Flecken auf den Flügeln zu sehen bekommen, leiden unter starken Schuldgefühlen, die auf diese Weise nach außen sichtbar werden.


Tatsächlich geht es Rakka am nächsten Tag prima. Die Sonne scheint ins Zimmer - aber Rakka achtet zunächst nur auf das, was sie im Spiegel der Fensterscheibe sehen kann:

Rakka:Ahhh... was ist das denn?!
Rakka:Was soll denn das?

Rakka "stehen die Haare zu Berge" - der Halo scheint ihre Strähnen mag[net]isch anzuziehen. Reki kann sich nicht verkneifen, loszuprusten...

Rakka:Lach nicht!
Reki:Bist du öfters statisch aufgeladen?
Rakka:Woher soll ich das wissen?! Ich kann mich doch nicht erinnern...

Und Reki selbst war es, die Rakka angekündigt hatte, daß sie sich nicht würde erinnern können - wieso stellt sie dann eine solche Frage? Rakkas Empörung ist nicht ganz unberechtigt...

Rakka:Also mit diesem Ring stimmt was nicht!
Rakka:Geht das wieder weg?

Reki hat kein Mittel gegen "vermurkste Halos", aber vielleicht hilft es ja, die Haare einfach glatt zu bürsten... auf jeden Fall beruhigt sie Rakka erst einmal.

Reki:Ich denke schon.

Hm - ich fürchte, da hat Reki falsch geraten, jedenfalls was die kommenden Monate betrifft.

Tatsächlich nützt das Bürsten auch überhaupt nichts, und Rakka läßt frustriert die Bürste zu Boden fallen. Doch dann bemerkt sie zum ersten Mal ihre Flügel, streichelt vorsichtig darüber - und ist begeistert:

Rakka:Die sind echt...!

Glücklich betrachtet Rakka sich im spiegelnden Fenster. Doch dann fällt ihr ein, wer sich um diese wundervollen Flügel so bemüht hatte:

Rakka:Reki, hast du meine Flügel etwa noch sauber gemacht, während ich schon schlief?
Reki:Ja, natürlich. Sie sind doch jetzt sauber, oder?

Ja, das sind sie. Und Rakka, die immer Höfliche, weiß, was sich gehört:

Rakka:Danke schön.
Reki:Gern geschehen.
Reki:Und willkommen in unserem "Old Home".

Rakka steht im gleißenden Licht - wie ein Engel. Es ist, als könnte kein Makel sie beflecken...


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